So lässt Fettleibigkeit das Brustkrebsrisiko steigen

Übergewicht und Fettleibigkeit sind Risikofaktoren für Brustkrebs – das ist bekannt. Jetzt fand ein internationales Forscherteam heraus, warum das so ist.

Viele Frauen schleppen zu viele Kilos mit sich herum. Allein in Deutschland ist mehr als die Hälfte der Frauen (53 Prozent) übergewichtig. Fast ein Viertel (24 Prozent) sei sogar fettleibig oder adipös, berichtet das Robert Koch-Institut. Damit haben deutsche Frauen ein ziemlich dickes Problem. Das Übergewicht schädigt nämlich nicht nur die Gelenke, sondern ist auch ein Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall – und für Brustkrebs. Ein Forscherteam von der University of Miami und der University of Granada deckte jetzt auf, warum fettleibige Frauen ein höheres Brustkrebsrisiko haben und dieser zudem aggressiver ist. Der Grund: Das Fett um den Brusttumor herum – das sogenannte peritumorale Fett – erleichtert die Ausbreitung und die Invasion von Krebsstammzellen. Diese sind vor allem für die Ausbreitung (Metastasierung) des Brustkrebses verantwortlich.

Entzündungsprozesse bei Fettleibigkeit wichtig

Ihre Experimente führten die Forscher an Mäusen durch. Im Labor untersuchten sie die Effekte von gemeinsam  gezüchteten Adipozyten – den fettbildenden Zellen  –  und Brustkrebszellen auf die Aggressivität des Tumors, die lokale Invasion der Krebszellen und auf das Potenzial des Tumors zur Metastasierung. Die Versuche ergaben, dass die Interaktion zwischen Tumorzellen und unreifen Adipozyten in der Nähe des Tumors im ersten Stadium des Brustkrebses die Ausschüttung von Cytokinen ankurbelte – das sind Eiweiße, die mit Entzündungen in Verbindung stehen. „Die Cytokine sorgen für eine weitere Ausbreitung der Krebsstammzellen, die ein hohes Potenzial zur Metastasierung bergen“, erklärt Prof. Juan Antonio Marchal Corrales, der Co-Autor der Studie. Bei der Implantation der gemeinsam kultivierten  Tumorzellen, unreifen Adipozyten und Cytokinen in Mäuse erhöhte sich den Anteil der Krebsstammzellen, das Vorhandensein von Tumorzellen im Blut und das Potenzial, Metastasen auszubilden.

Brustkrebs – so gefährlich sind Krebsstammzellen

Krebsstammzellen kommen in Tumoren nur in sehr geringen Mengen vor. Sie sind aber hauptverantwortlich dafür, dass ein Tumor Metastasen in anderen Organen bildet. Bei Brustkrebs sind das häufig die Leber, Knochen, das Gehirn und die Lunge. Konventionelle Chemotherapien und die Strahlentherapie können den Krebsstammzellen nichts anhaben – das ist auch der Grund, warum viele Krebspatienten zunächst zwar positiv auf die Krebsbehandlungen ansprechen, dann aber einen Rückfall erleiden.

Fettleibigigkeit hat ernste Folgen

Die Konsequenzen der weltweiten Fettleibigkeitsepidemie für das Brustkrebsrisiko und die Sterblichkeit seien sehr ernst, sagen die spanischen Forscher. Mediziner gehen heute davon aus, dass bis zu 20 Prozent der krebsbezogenen Todesfälle auf das Konto der Fettleibigkeit gehen. Adipöse Frauen haben ein höheres Risiko, nach der Menopause an Brustkrebs zu erkranken. Außerdem ist der Brustkrebs aggressiver und schreitet schneller voran – unabhängig vom Alter der Frauen.

Wie gefährlich die vielen Kilos für Frauen sind, hat das britische Cancer Research UK ausgerechnet: Demnach erhöht die Fettleibigkeit von Frauen das Risiko für mindestens sieben Krebsarten: Darm-, Brust-, Gallenblase-, Nieren-, Gebärmutter-, Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs. Statistiken zeigen, dass fettleibige Frauen eine 40 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, irgendwann in ihrem Leben an einem Krebs zu erkranken, der mit ihrem Gewicht zu tun hat. In einer Gruppe von 1000 adipösen Frauen werden 274 eine Krebsdiagnose aufgrund ihrer vielen Pfunde erhalten. Zum Vergleich: Bei gesunden Frauen wären es nur 194.

Übergewicht: „Schon kleine Veränderungen haben positiven Effekt“

Übergewicht scheint hauptsächlich nach den Wechseljahren das Risiko für Brustkrebs zu erhöhen, so das Deutsche Krebsforschungszentrum (dkfz). Das gelte vor allem für jenen Brustkrebs, bei dem die Tumorzellen auf Östrogen reagieren, so genannte hormonempfindliche Tumoren. Etwa zwei Drittel aller Frauen mit Brustkrebs haben solche hormonsensitiven Tumoren. Studien zeigen aber, dass in diesem Alter regelmäßige Bewegung einen schützenden Effekt hat. Gut sind Ausdauersportarten wie Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren oder Joggen.

Dr. Julie Sharp von Cancer Research UK fasst es so zusammen: „Gewicht zu verlieren ist nicht einfach. Aber Sie müssen nicht gleich ins Fitnessstudio, jeden Tag viele Kilometer laufen oder Ihr Lieblingsessen vom Speiseplan streichen. Schon kleine Veränderungen, die Sie auch im Alltag beibehalten können, haben langfristig einen entscheidenden positiven Effekt.“ Man muss nur damit anfangen.

Quelle: M. Picon-Ruiz, C. Pan, K. Drews-Elger, K. Jang, A. H. Besser, D. Zhao, C. Morata-Tarifa, M. Kim, T. A. Ince, D. J. Azzam, S. A. Wander, B. Wang, B. Ergonul, R. H. Datar, R. J. Cote, G. A. Howard, D. El-Ashry, P. Torne-Poyatos, J. A. Marchal, J. M. Slingerland. Interactions between Adipocytes and Breast Cancer Cells Stimulate Cytokine Production and Drive Src/Sox2/miR-302b-Mediated Malignant Progression. Cancer Research, 2016; 76 (2): 491 DOI: 10.1158/0008-5472.CAN-15-0927

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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