Tamoxifen-Therapie XXL?

Sollen Frauen mit Brustkrebs zehn statt fünf Jahre Tamoxifen schlucken? Amerikanische Krebsexperten sagen „ja“.

Rund zwei Drittel aller Brustkrebspatientinnen erkranken an einem hormonempfindlichen Tumor. Das heißt: Der Krebs wächst unter Östrogen- beziehungsweise Progesteron-Einfluss. Das Gute ist, dass sich der Krebs mit einer anschließenden Antihormontherapie in Schach halten lässt. Bricht die Krankheit vor den Wechseljahren aus, ist meist Tamoxifen das Mittel der Wahl. Nach den Wechseljahren bringen Aromatasehemmer die besseren Erfolge. Die antihormonelle Therapie kann wirkungsvoll vor Rückfällen schützen.

Tamoxifen bei Brustkrebs- doppelt so lang hält besser?

Die derzeitige Empfehlung der Onkologen laut, Tamoxifen für fünf Jahre zu schlucken. Und an dieser Zeitmarke kratzt jetzt die Amerikanische Krebsgesellschaft, ASCO. Sie hat im Mai 2014 ihre Leitlinien zur endokrinen Therapie aktualisiert und empfiehlt auf der Basis aktueller Studiendaten: Frauen sollten doppelt so lange antihormonell behandelt werden, nämlich ganze zehn Jahre. Entweder mit Tamoxifen oder mit Aromatasehemmern. Bei vielen Frauen, die schon keine fünf Jahre aufgrund der Nebenwirkungen schaffen, dürfte das auf wenig Gegenliebe stoßen. Die Abbruchrate bei der Antihormontherapie ist ziemlich hoch. Ein aktuelle US-Studie ergab etwa, dass rund 25 Prozent der Frauen die Pillen zu früh zur Seite legen oder die Therapie erst gar nicht beginnen. Der Grund seien die Nebenwirkungen, berichten Forscher der University of Michigan Comprehensive Cancer Center.

Länger leben, niedrigeres Rückfallrisiko

Die Krebsexperten analysierten klinischen Studien mit Brustkrebspatientinnen im Hinblick auf das Überleben, Rückfälle (Rezidiv) und Nebenwirkungen. Fünf große Studien wurden unter die Lupe genommen, bei denen Frauen mit Brustkrebs mehr als fünf Jahre mit Tamoxifen behandelt worden waren. Die beiden größten Studien mit der längsten Nachbeobachtungszeit ergaben, dass Patientinnen durch die zehnjährige Tamoxifentherapie einen Überlebensvorteil hatten. Außerdem war die verlängerte Tamoxifentherapie  (Tamoxifen für zehn Jahre, verglichen mit fünf Jahren) zusätzlich mit niedrigeren Risiko eines Brustkrebsrückfalls sowie für Brustkrebs auf der anderen Brustseite verbunden.

Empfehlung – 10 Jahre Tamoxifen schlucken

Die früheren ASCO-Leitlinien empfahlen, Frauen mit einem hormonrezeptor-positiven Brustkrebs vor der Menopause über fünf Jahre mit Tamoxifen zu behandeln. Frauen nach der Menopause sollten mindestens fünf Jahre mit einem Aromatasehemmer beziehungsweise mit Tamoxifen, gefolgt von einem Aromatasehemmer (in Sequenz) über fünf Jahre therapiert werden.

Neu ist: Wenn Frauen vor oder nach der Menopause erkrankt sind und bislang fünf Jahre Tamoxifen bekommen haben, sollten Ärzte sie „über die höhere Wirksamkeit einer zehnjährigen Tamoxifentherapie informieren“, so die Autoren. Wenn Frauen nach der Menopause erkrankt sind und fünf Jahre Tamoxifen erhalten haben, sollten sie die Wahl haben, weiterhin Tamoxifen zu nehmen, oder nach Wechsel zu einem Aromatasehemmer die Therapie über zehn Jahre fortzusetzen. Das heißt: Die amerikanischen Krebsexperten raten zu zehn Jahren Antihormontherapie. Deutsche Onkologen sind noch zögerlich – bislang haben sie noch keine Empfehlung ausgesprochen.

Unangenehme Nebenwirkungen der Antihormontherapie

Man kommt jedoch nicht darum herum, auch die Nebenwirkungen der Antihormontherapie zu betrachten. Das vermutlich größte Problem ist die Entwicklung von Gebärmutterschleimhautkrebs (Endometriumkarzinom). Mit der längeren Einnahmedauer steigt auch das Risiko für diese Krebsart. Weitere unerwünschte Effekte sind heftige Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen oder vaginale Trockenheit. Vor allem Aromatasehemmer führen zu Gelenkschmerzen. Möglich sind aber auch Lungenembolien, Blutarmut, Benommenheit, Kopfschmerzen oder Sehstörungen.

Quellen:

  • Burstein, H. et al.: „Adjuvant Endocrine Therapy for Women With Hormone Receptor–Positive Breast Cancer: American Society of Clinical Oncology Clinical Practice Guideline Focused Update, Published online before print May 27, 2014, DOI: 10.1200/JCO.2013.54.2258
  • Friese, C. et al.: „Adjuvant endocrine therapy initiation and persistence in a diverse sample of patients with breast cancer“, Breast Cancer Research and Treatment, DOI 10.1007/s10549-013-2499-9, April 2013;

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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