Mammografie deckt Herzkrankheiten auf

Die Mammografie kann Brustkrebs aufdecken. Aber die Röntgenuntersuchung hilft offenbar auch, das Risiko für Herzkrankheiten zu bestimmen – vor allem bei jungen Frauen.

Forscher haben einen neuen Nutzen der Mammografie ausgemacht: Sie hilft Radiologen nicht nur, Brustkrebs auf die Spur zu kommen, sondern auch bei der Entdeckung von Herzkrankheiten, vor allem bei jüngeren Frauen. Dies berichten Wissenschaftler des American College of Cardiology. Der Anhaltspunkt: Die Verkalkung der Arterien in der Brust, die sich aus jedem Röntgenbild herauslesen lassen. Ihre Studienergebnisse präsentierten sie auf der American College of Cardiology’s 65th Annual Scientific Session. „Je größer die Arterienverkalkungen in der Brust sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich auch in den Herzkranzgefäßen Plaques befinden“, sagt Prof. Harvey Hecht von der Icahn School of Medicine, der Hauptautor der Untersuchung.

Verkalkte Brustarterien – verkalkte Herzkranzgefäße

An der Studie nahmen 292 Frauen teil, die sich innerhalb eines Jahres einer digitalen Mammografie und einer Computertomografie (CT) ohne Kontrastmittel unterzogen hatten. Die Mammografie-Bilder begutachteten zwei Radiologen unabhängig voneinander. Ausgeschlossen waren Frauen, bei denen eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bekannt war. Das Ausmaß der Brustarterienverkalkung wurde auf einer Skala von 0 bis 12 bestimmt – je nachdem, wie schwer die Verkalkung war. Die Verkalkung der Herzkranzgefäße diagnostizierten die Forscher mittels CT.

70 Prozent der Frauen hatten Plaques sowohl in den Brust- als auch in den Herzkranzgefäßen. Von den Frauen unter 60 Jahren mit verkalkten Herzkranzgefäßen hatten rund 50 Prozent auch Plaques in den Brustarterien. Den deutlichsten Zusammenhang fanden Forscher bei jungen Frauen: Wurde bei ihnen eine Arterienverkalkung in der Brust entdeckt, lag die Wahrscheinlichkeit bei 83 Prozent, dass auch die Herzgefäße betroffen waren.

Die Daten zeigten erstmals eine Verbindung zwischen der Menge an Kalziumablagerungen in den Arterien der Brust – sie sind in der digitalen Mammografie sichtbar – und dem Kalziumspiegel in den Koronararterien, so die Forscher. Die Verkalkung der Herzkranzgefäße – die Bildung sogenannter Plaques –  gilt als frühes Zeichen einer Herz-Kreislauf-Krankheit. Die Verkalkung der Brustarterien scheine ein genauso guter oder sogar stärkerer Marker zu sein als etablierte Risikofaktoren wie erhöhte Cholesterinwerte, Bluthochdruck oder Diabetes.

Information über Verkalkung steckt in jedem Mammogramm

Die Arterienverkalkung gilt als wichtiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. „Viele Frauen, vor allem junge Frauen, wissen nicht, wie es um die Gesundheit ihrer Arterien steht“, sagt Hecht. „Wenn die Mammografie arterielle Verkalkungen in der Brust zeigt, könnte dies einen „Wachmacher-Effekt“ bedeuten – nämlich, dass es eine große Wahrscheinlichkeit für weitere Plaques in den Koronargefäßen gibt“, so Hecht. „Die Information über den Verkalkungsgrad der Arterien lässt sich aus jedem Mammogramm herauslesen. Es entstehen keine zusätzlichen Kosten und Strahlenbelastung“, sagt Hecht.

So ließen sich Risikopatientinnen identifizieren und Vorbeugemaßnahmen ergreifen. Radiologen sollten in Zukunft routinemäßig einen genauen Blick auf den Zustand der Arterien in der Brust werfen und das Ausmaß der Verkalkung dokumentieren, rät Hecht. „Das könnte für einige Frauen lebensrettend sein.“ Obwohl eine Krebserkrankung am meisten gefürchtet wird, sind Herz-Kreislaufkrankheiten noch immer die häufigste Todesursache bei jüngeren Frauen.

Mammografie – Verkalkungen der Brustarterien dokumentieren

Weiter untersuchen wollen die Forscher die Eigenschaften der Plaques in Brust und Herz. Denn die Natur der Ablagerungen sei unterschiedlich. Darum sei es auch unklar, wie die beiden Prozesse zusammenhängen. Außerdem müsse man die Bedeutung der Brustverkalkung als prognostischen Faktor weiter unter die Lupe nehmen.

In einem Editorial zur Studie schreiben Khurram Nasir und John McEvoy vom Center for Healthcare Advancement and Outcomes at Baptist Health South Florida: „Die Ergebnisse sollten Ansporn für Ärzte und Radiologen sein, die Verkalkungen der Brustarterien in den Mammografie-Berichten zu dokumentieren und ein genaueres Augenmerk auf die Verbindung zu Herzkrankheiten zu legen.“ Wenn vier Millionen Frauen zur Mammografie gingen, hätten zwei bis drei Millionen Anzeichen einer frühen Koronarverkalkung.

Mammografie-Screening ist umstritten

Rund 75.000 Frauen erkranken allein in Deutschland jährlich neu an Brustkrebs. Alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren haben hierzulande alle zwei Jahre einen Anspruch auf eine Mammografie. Das Mammografie-Screening, eingeführt im Jahr 2005, soll Brustkrebs in frühen Stadien aufdecken, damit auch die Krebstherapie weniger hart ausfällt und die Heilungschancen steigen.

Unumstritten ist das Screening nicht. Viele Frauen überschätzen den Nutzen des Screenings. Umgekehrt deckt das Screening oft kleine Brusttumoren auf, die den Frauen zu Lebzeiten niemals gefährlich geworden wären. Die Frauen werden trotzdem mit heftigen Krebstherapien wie Chemotherapie und Bestrahlung behandelt. Übertherapie nennen Fachleute das. Deshalb gibt es jetzt ein neues Faltblatt des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), das Nutzen und Risiken der Mammografie ausgewogener darstellt.

Quellen:

  • Hecht H et al. Digital Mammography: Screening for Coronary Artery Disease? Journal of American College of Cardiology, JACC: Cardiovascular Imaging, online, 24.3.2016

Weiterführende Informationen

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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