Nach Brustkrebs – viele Frauen verändern sich beruflich

Bei der Diagnose Brustkrebs stehen viele Frauen inmitten ihres Berufslebens. Doch nach den Krebsbehandlungen orientiert sich die Hälfte der Frauen beruflich um und geht neue Wege – nicht immer freiwillig, wie eine Studie ergab.

Die Diagnose Brustkrebs ist eine einschneidende Erfahrung, die nahezu alles Bisherige auf den Kopf stellt. Wohl die meisten Frauen wünschen sich, nach den Krebsbehandlungen wieder ihren Alltag und den Beruf zurückzubekommen. “Die Rückkehr an den Arbeitsplatz ist wichtig – als ein Stück Normalität und Sinnstiftung nach krebsbedingter Krise”, sagt die Soziologin Kati Hiltrop vom Universitätsklinikum Bonn (UKB). Allerdings sei es oft nicht der angestammte, zuvor ausgeübte Beruf, wie Forschende der Rheinischen Friedrichs-Wilhelm-Universität Bonn und der Deutschen Krebsgesellschaft in einer Studie berichten. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung veröffentlichten sie im Fachblatt  „Journal of Cancer Survivorship“.

Nach Brustkrebs: Hälfte der Frauen orientiert sich beruflich um

Die Wissenschaftler untersuchten, wie es 184 ehemaligen Brustkrebspatientinnen nach der Rückkehr in ihren Job erging. Im Schnitt waren die Frauen 57 Jahre alt. Insgesamt wurden sie viermal über einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren nach der Krebsdiagnose befragt. Die Forscher wollten wissen, wie die Frauen subjektiv ihren Gesundheitszustand einschätzten, wie oft sie sich beruflich verändert hatten und wie erfüllend sie ihren Job fanden. Außerdem erfragten die Forschenden sozioökonomische Daten wie das Alter, die Anzahl der Kinder und den Bildungsgrad.

Etwa die Hälfte der befragten Frauen veränderte sich in diesem Zeitraum mindestens einmal beruflich und ging neue Wege. Etwa zehn Prozent taten dies nicht ganz freiwillig. Aber: Je älter die Frauen waren,  je besser das subjektive Gesundheitsempfinden und je freiwilliger die beruflichen Veränderungen erfolgten, desto größer war auch die Zufriedenheit mit der beruflichen Entwicklung.

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Berufliche Veränderung: Fatigue ist ein häufiger Grund

Die Gründe für den Jobwechsel nach einer Brustkrebserkrankung sind sehr verschieden. Viele Frauen haben nach den intensiven Krebsbehandlungen wie Chemotherapie und Bestrahlung mit den Nachwirkungen zu kämpfen. So kann zum Beispiel das Fatigue-Syndrom den Alltag erheblich einschränken – eine anhaltende Erschöpfung, Müdigkeit, Kraft-  und Antriebslosigkeit, die sich auch durch ausreichenden Schlaf nicht bessern lässt. Fachleute schätzen, dass die Fatigue bis zu 90 Prozent aller Krebspatienten betrifft. Manchmal geht die Erschöpfung wieder vorüber, manchmal hält sie auch über Monate oder Jahre an.

Eine Chemotherapie kann noch weitere Folgen mit sich bringen, beispielsweise kognitive Probleme wie Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Denkstörungen. Auch diese können den Job erwschweren oder unmöglich machen. Dazu können Nervenschädigungen, Taubheitsgefühle oder die Angst kommen, der bösartige Tumor könne zurückkehren. Und diese Furcht kann Menschen regelrecht lähmen und ihre Leistungsfähigkeit einschränken. Ingesamt können diese Folgen es schwer oder unmöglich machen, den ursprünglichen Beruf wieder aufzunehmen.

Jobwechsel oft wegen zu hoher Arbeitsbelastung

Die Forschenden wollte wissen, wie zufrieden die Frauen mit ihrer beruflichen Entwicklung seit der Diagnose Brustkrebs waren. Etwa die Hälfte der Befragten erlebte im Beobachtungszeitraum mindestens eine berufliche Veränderung. Rund 16 Prozent der Frauen orientierten sich beruflich nicht aus freien Stücken um. Die Gründe für die beruflichen Veränderungen waren zum Beispiel eine stärkere Arbeitsbelastung (15.2 Prozent), ein erhöhter Arbeitsumfang (15.2 Prozent) oder der Renteneintritt. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass die ehemaligen Brustkrebspatientinnen nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz Schwierigkeiten hatten, die beruflichen Anforderungen langfristig zu erfüllen. Deshalb hätten sie sich in ihrem Job umorientieren müssen.

“Wir haben keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl der beruflichen Veränderungen und der Zufriedenheit gefunden. Eine höhere Unfreiwilligkeit der Veränderungen ging aber mit einer geringeren Zufriedenheit ein“, sagt Kati Hiltrop. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Qualität der Veränderungen mehr als die Häufigkeit zählt“, so ihr Fazit.

Rückkehr in den Beruf nach Brustkrebs: Alle müssen mithelfen

Die Forschenden identifizierten jedoch einige Faktoren, die nach einer Krebsdiagnose zur Zufriedenheit im Job beitragen können: Ein vertrauensvolles Arbeitsumfeld sowie das  Verständnis und die Unterstützung von Chefs, Chefinnen, Kollegen und Kolleginnen. So ließen sich unfreiwillige berufliche Veränderungen vermeiden, die viele Frauen als besonders gravierend wahrnehmen.  

Eine langfristige Unterstützung und die Hilfestellung aller seien nötig, damit Frauen in ihren Beruf zurückkehren und dort auch bleiben können, schlussfolgern die Forschenden. Denn mit dem Ende der Krebstherapien ist es für viele Frauen keineswegs vorbei. Sie müssen regelmäßige Nachsorgetermine wahrnehmen, Medikamente einnehmen, die Nebenwirkungen haben, die Angst vor einem Rückfall zähmen oder mit der Fatigue umzugehen lernen.

„Eine offene Kommunikation mit Vorgesetzten sowie Kolleginnen und Kollegen über Erwartungen und das, was geleistet werden kann, ist sehr wichtig”, sagt Hiltrop. Je flexibler alle mit der Situation umgingen, desto größer sei meist auch die Chance, dass die ehemaligen Brustkrebspatientinnen nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz zufrieden seien.

Beruf kann nach Brustkrebserkrankung Sinn stiften

In Deutschland erhielten im Jahr 2016 fast eine halbe Million Menschen eine Krebsdiagnose. Ungefähr 70.000 Frauen erkranken jedes Jahr an Brustkrebs – der häufigsten Krebsart bei Frauen. Die Überlebenschancen stehen gut bei dieser Tumorart: Etwa 88 Prozent der Frauen überleben die ersten fünf Jahre nach der Diagnose.

Etwa 30 Prozent der Frauen sind jünger als 55 Jahre, wenn Ärztinnen und Ärzte den Brustkrebs feststellen. Sie stehen oft noch mitten im Berufsleben und würden ihre Arbeit auch nach den Krebstherapien gerne wieder aufnehmen. Denn für viele ist der Beruf sinnstiftend, bringt finanzielle Sicherheit, erlaubt Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und erhöht die Lebensqualität. „Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen müssen sich für eine zufriedenstellende berufliche Teilhabe stark machen“, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Quellen:

  • Kati Hiltrop, Paula Heidkamp, Clara Breidenbach, Christoph Kowalski, Anna Enders, Holger Pfaff, Lena Ansmann, Franziska Geiser and Nicole Ernstmann: Involuntariness of job changes is related to less satisfaction with occupational development in long-term breast cancer survivors, Journal of Cancer Survivorship, DOI: http://dx.doi.org/10.1007/s11764-021-01035-5 (Abruf: 29.4.2021)
  • Deutsche Krebsgesellschaft, https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/basis-informationen-krebs-allgemeine-informationen/fatigue-bei-krebs.html (Abruf: 29.4.2021)
  • Universität Bonn, Pressemitteilung vom 28.4.2021, https://idw-online.de/de/news767675

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Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit. Sie ist Chefredakteurin des Gesundheitsportals Prostata Hilfe Deutschland, die sich an Männer mit Prostatakrebs richtet. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekte mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de