Krebs – einfach nur Pech?

Viele Krebsfälle könnten eine einfach Ursache haben: Pech! Damit würde der Lebensstil eine viel geringere Rolle spielen als gedacht.

Dass man an seiner Krebserkrankung selbst schuld sei, dieses Gerücht hält sich bis heute hartnäckig. Zu viel geraucht, zu viel in der Sonne gebrutzelt, zu viele Pfunde auf den Hüften, zu schlecht gelebt, zu viele Probleme gewälzt – das sind gängige Begründungen dafür, warum der eine an Krebs erkrankt und der andere nicht. Bei manchen Krebsarten wie Haut-, Lungen- oder Darmkrebs spielen diese Lebensstilfaktoren tatsächlich eine wichtige Rolle, aber nicht bei allen. Rund zwei Drittel aller Krebserkrankungen seien schlichtweg Pech, berichten Forscher der Johns Hopkins University School of Medicine Baltimore (USA) jetzt im renommierten Fachblatt „Science“.

Damit hätte ein gesunder Lebenswandel viel weniger Einfluss auf die Entwicklung einer Krebserkrankung als gedacht. Vielmehr liege die Ursache in der Häufigkeit, mit der sich ein Gewebe teile, sagen die Forscher um Cristian Tomasetti und Bert Vogelstein.

Leben ohne Krebs – nur Glück?

Sie durchforsteten die wissenschaftliche Literatur nach Informationen darüber, wie häufig sich Stammzellen in 31 verschiedenen Geweben im Lauf eines menschlichen Lebens teilen. Brust- und Prostatakrebs waren nicht in die Studie eingeschlossen, weil die Forscher keine aussagekräftigen Teilungsraten von Stammzellen in der Literatur gefunden hatten. Diese Daten verglichen sie mit der Häufigkeit, in der Krebs in diesen Geweben auftritt.

Stammzellen erneuern sich selbst und ersetzen abgestorben Zellen in den Organen. Es sei gut bekannt, sagt Vogelstein, dass Krebs entstehen kann, wenn gewebespezifische Stammzellen zufällige Fehler machen. Diese zufälligen Erbgutveränderungen treten in Genen auf, welche das Krebswachstum ankurbeln können. Je mehr solcher Mutationen sich ansammeln, desto mehr wächst auch das Risiko, dass sich Zellen unkontrolliert vermehren – ein Merkmal von Krebszellen.

„Unsere Studie zeigt ganz allgemein, dass eine Veränderung in der Anzahl der Stammzellteilungen eines Gewebes extrem mit dem Auftreten von Krebs im gleichen Gewebe korreliert“, sagt Vogelstein. Ein Beispiel sei das Dickdarmgewebe, das viermal mehr Stammzellenteilungen aufweist als das Gewebe im Dünndarm. So ist Dickdarmkrebs deutlich häufiger als ein bösartiger Tumor des Dünndarms.

Krebsentstehung ist ein Kombi-Pack

22 Krebsarten ließen sich so mit der Häufigkeit der Stammzellteilungen in Verbindung bringen und mit dem „Pechfaktor“ zufälliger DNA-Mutationen während der Zellteilungen erklären. Statistisch gesehen sei das rund zwei Drittel aller Krebsfälle bei Erwachsenen. Die anderen neun Krebsarten traten häufiger auf, als es die Forscher aufgrund der Zahl der Zellteilungen vorhergesagt hatten – rechnerisch sind das rund ein Drittel aller Krebsfälle. Sie ließen sich vermutlich mit einer Kombination aus Pech, Umweltfaktoren und Vererbung erklären. Ein Beispiel ist der familiäre Brustkrebs, bei dem die veränderten Gene BRCA1 und BRCA2 von Generation zu Generation weitergegeben werden. Bekannt ist auch, dass Rauchen Lungenkrebs und eine zu intensive UV-Strahlung langfristig Hautkrebs verursachen kann.

Es gibt nicht „den einen“ Faktor, der Krebs auslöst. „Alle Krebsarten werden durch eine Kombination aus Pech, Umwelt und Vererbung ausgelöst. Wir haben ein Modell entwickelt, mit dem wir quantifizieren können, wie groß der Einfluss dieser drei Faktoren auf das Krebsrisiko ist“, sagt Krebsspezialist Vogelstein. „Ein krebsfreies Leben von Menschen, die krebserzeugenden Substanzen wie zum Beispiel Tabak ausgesetzt sind, wird oft auf die ‚guten Gene‘ geschoben. Die Wahrheit ist aber, dass die meisten von ihnen einfach Glück haben“, fügt Vogelstein hinzu. Ein ungesunder Lebensstil könne aber den „Pechfaktor“ noch verstärken.

Krebs ist wie einen Unfall zu bauen

Die Studienergebnisse könnten die öffentliche Wahrnehmung über die Risikofaktoren von Krebs verändern. Ein gesunder Lebensstil sei nach wie vor sehr hilfreich beim Eindämmen bestimmter Krebsarten, „aber es ist kein effektives Mittel für eine Vielzahl anderer Krebsarten“, sagt Tomasetti. Viel wichtiger seien die Früherkennung der bösartigen Tumoren und eine frühzeitige Krebstherapie, wenn der Tumor noch heilbar sei.

Ein einfacher Vergleich der Forscher hilft vielleicht, die Studienergebnisse besser zu verstehen: „Krebs zu bekommen ist wie in einen Unfall verwickelt zu werden. Unabhängig vom Ziel – je länger die Autofahrt dauert, desto höher ist auch das Unfallrisiko. Die Wetterbedingungen entsprechen den Umweltfaktoren beim Krebs – schlechtes Wetter erhöht ebenfalls die Unfallgefahr. Und den technischen Zustand des Autos kann man in Analogie zu den Erbfaktoren setzen. Die Anzahl der mechanischen Probleme wie schlechte Bremsen oder abgefahren Reifen lässt ebenfalls das Risiko klettern einen Unfall zu bauen“, schreiben die Forscher.

Quellen:

  • Tomasetti, Cristian und Vogelstein, Bert: “Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions,” Science, 2. Januar 2015
  • Pressemitteilung John Hopkins University: “Bad Luck of Random Mutations Plays Predominant Role in Cancer, Study Shows”, 1. Januar 2015
  • Zusatz zur Pressemitteilung, John Hopkins University, 7. Januar 2015;

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit und das Brustkrebs-Magazin MammaMia!. Sie ist Chefredakteurin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland, die sich an Männer mit Prostatakrebs richtet. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekte mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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