Lungenkrebs überholt Brustkrebs

Der Preis des Rauchens ist hoch. Erstmal wird im Jahr 2015 die Sterblichkeitsrate durch Lungenkrebs bei Frauen höher sein als die durch Brustkrebs.

Die Folgen des Rauchens schlagen Jahre später zu. Jetzt rächt es sich, dass Frauen in den 68er-Jahren genauso zu rauchen anfingen wie die Männer. Erstmals wird in diesem Jahr der Brustkrebs nicht mehr die Krebstodesstatistik bei Frauen anführen. Sondern der Lungenkrebs wird im Jahr 2015 den Brustkrebs als häufigste weibliche Krebstodesursache in der EU ablösen. Dies prognostizieren Forscher aus Italien und der Schweiz.

Mehr Lungenkrebs bei Frauen

Die Studie analysierte die Krebsraten in den 28 EU-Ländern und separat die der sechs größten Länder: Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Spanien und das Vereinigte Königreich. Analysiert wurden alle Krebsarten und dann speziell Magen-, Darm-, Bauchspeicheldrüsen, Lungen-, Prostata-, Brust-, Gebärmutter-, Gebärmutterhals- und Blutkrebs (Leukämien).

Insgesamt werden die Krebszahlen in der Europäischen Union weiter steigen – der Grund sind steigende Bevölkerungszahlen und die wachsende Anzahl an älteren Menschen. Dagegen wird die Zahl der Krebstoten weiter sinken – aufgrund verbesserter Früherkennung und wirksamen Therapien. Es gibt aber zwei Ausnahmen: Lungenkrebs bei den Frauen und Bauchspeicheldrüsenkrebs bei beiden Geschlechtern.

Bei den Frauen steigt den Forschern zufolge die Sterberate durch Lungenkrebs von 9 Prozent im Jahr 2009 auf 14,24 Prozent pro 100.000 Einwohner. Die Sterberaten für Brustkrebs lägen dagegen im Jahr 2015 bei 14,22 Prozent pro 100.000 Einwohner, also leicht niedriger – seit dem Jahr 2009 entspricht dies aber einem Rückgang der Sterberate bei Brustkrebs um 10,2 Prozent. Prof. Carlo La Vecchia von der University of Milan (Italien) sagt: „Wir müssen trotzdem vorsichtig sein, was die Lungenkrebsraten bei Frauen angeht, denn dies sind nur Prognosen.“ Die richtigen Daten für das Jahr 2015 lägen erst in drei bis vier Jahren vor.

Polen und Großbritannien weit vorne

Die hohen Todesraten durch Lungenkrebs werden vor allem den Frauen aus dem Vereinigten Königreich und Polen zugeschrieben. Die prognostizierte Sterberate liegt bei 21 beziehungsweise 17 pro 100.000 Einwohner. Diese Raten seien doppelt so hoch wie in Spanien, das eine Sterberate durch Lungenkrebs für Frauen von gut 8 pro 100.000 ausweist. „Britische und polnische Frauen hatten über lange Zeit viel höhere Lungenkrebsraten als die meisten anderen europäischen Länder – mit Ausnahme von Dänemark“, sagt La Vecchia. „Dies ist der Tatsache geschuldet, dass britische Frauen während des Zweiten Weltkrieges mit dem Rauchen begannen.“ In den meisten anderen EU-Ländern hätten die Frauen erst in den 1968-er Jahren mit dem Qualmen begonnen. Besorgniserregend sei, dass die Lungenkrebsraten in Großbritannien nicht sinken. Der Grund sei vermutlich, dass es dort einen zusätzlichen Anstieg beim Rauchen gab, genau wie in der Nach-68er-Generation, also jenen Frauen, die nach 1950 geboren sind.

Bauchspeicheldrüsenkrebs nimmt zu

Die Sterberaten durch Bauchspeicheldrüsenkrebs werden den Forschern zufolge um vier Prozent bei Frauen und fünf Prozent bei Männern höher liegen als 2009. Bekannte Risikofaktoren sind Rauchen, Fettleibigkeit, Diabetes, ein hoher Alkoholkonsum und eine familiäre Vorbelastung. Diese Faktoren erklärten aber nur 40 Prozent der Fälle – andere Faktoren für den aufsteigenden Trend müssten noch identifiziert werden.

Bei Männern sind die vorhergesagten Raten für die drei Hauptkrebsarten der Lunge, des Darms und der Prostata geringer als 2009. Sie fielen um 9, 5 und 12 Prozent. Bei Frauen werden die Sterberaten für Brust- und Darmkrebs um 10 beziehungsweise 9 Prozent im Vergleich zu 2009 fallen. „Die günstigen Prognosen für Brust- und Dickdarmkrebs hängen vor allem mit der verbesserten Früherkennung und der Therapie dieser Krebsarten zusammen“, weiß La Vecchia. „Das Hauptmerkmal bei Prostatakrebs ist, dass die Sterberate weiter innerhalb der gesamten EU und in allen Altersgruppen sinkt – einschließlich der Senioren.“ Auch hier spielten verbesserte Therapien einschließlich Operation, Strahlentherapie und medikamentöser Behandlung wie neue Anti-Androgene eine wesentliche Rolle. Auch eine frühe Diagnose und das PSA-Screening könnten Gründe dafür sein.

„Abwärtstrend ist gute Nachricht“

Die Studie prognostiziert, dass es in den 28 Staaten der EU im Jahr 2015 insgesamt 1,359,100 Krebstote geben wird – 766,200 Männer und 592,900 Frauen. Das lässt sich mit einem Absinken von 7,5 Prozent bei Männern und 6 Prozent bei Frauen seit 2009 gleichsetzen. Seit dem Höhepunkt der Anzahl an Krebstoten im Jahr 1988 entspricht das sogar einem Rückgang von 26 Prozent bei Männern und 21 Prozent bei Frauen. Mehr als 325,000 Tote gibt es im Jahr 2015 weniger als im Jahr 1988.

Fabio Levi, Co-Autor und emeritierter Professor von der University of Lausanne (Schweiz), sagt: „Der Abwärtstrend bei der allgemeinen Krebssterberate ist eine gute Nachricht. Aber das Rauchen bleibt weiterhin die Haupttodesursache durch Krebs in der EU.“ Der Tabakkonsum sei zum Beispiel für 15 bis 25 Prozent der Fälle von Bauchspeicheldrüsenkrebs und für 85 bis 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle verantwortlich. Außerdem sei es bei einer Reihe anderer Krebsarten involviert. Grund genug also, um die Finger vom Glimmstängel zu lassen!

Quelle:
M. Malvezzi, P. Bertuccio, T. Rosso, M. Rota, F. Levi, C. La Vecchia und E. Negri: „European cancer mortality predictions for the year 2015: does lung cancer have the highest death rate in EU women?“, Annals of Oncology. doi:10.1093/annonc/mdv001

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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