Diagnose Brustkrebs löst langes Trauma aus

Die Diagnose Brustkrebs hebt das Leben aller Frauen aus den Angeln. Doch noch ein Jahr nach der Diagnose leiden viele Brustkrebspatientinnen unter posttraumatischen Belastungssymptomen. Doch Bildung hilft!

Die Diagnose Brustkrebs ist ein wuchtiger Hammer, der in Sekundenschnelle herab saust und das alte Leben zerschlägt. Eben noch gesund – plötzlich schwerstkrank. Und damit ein Fall für Krebsärzte und Krebstherapien. Doch das erlittene Trauma verschwindet nicht einfach nach Wochen und Monaten wieder, sondern bleibt über längere Zeit bestehen. Bei mehr als der Hälfte der Frauen mit Brustkrebs halten die posttraumatischen Belastungssymptome mindestens ein Jahr lang an. Dies ergab die Studie Cognicares vom Brustzentrum der Frauenklinik der LMU München, die in der Fachzeitschrift Psycho-Oncology veröffentlicht wurde.

Brustkrebs-Trauma: Fragen nach dem seelischen Dauerfeuer

Das Forscherteam um Dr. Kerstin Hermelink und ihre Doktorandin Varinka Voigt hatte mehr als 160 Brustkrebspatientinnen über einen Zeitraum von einem Jahr wissenschaftlich begleitet. Verglichen wurden sie mit 60 Frauen, die keine Krebsdiagnose erhalten hatten. Alle Teilnehmerinnen wurden zu drei Zeitpunkten auf Symptome posttraumatischer Belastung hin untersucht. Die Daten basieren aber nicht auf einer Selbstauskunft der Brustkrebspatientinnen, sondern Psychologen erhoben sie mit Hilfe eines diagnostischen Interviews. Befragt wurden nur Frauen mit Brustkrebs, die keine Metastasten und  damit die berechtige Hoffnung auf eine Heilung hatten. Ausgeschlossen wurden Frauen mit psychischen Vorerkrankungen und mangelnden Deutschkenntnissen.

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Brustkrebs – schlimmer als ein heftiger Unfall

Vor dem Beginn der Behandlung zeigten 82,5 Prozent aller Patientinnen posttraumatische Belastungssymptome, zum Beispiel ständige, unabweisbare Gedanken an die Erkrankung, das Gefühl emotionaler Taubheit, große Reizbarkeit mit Wutausbrüchen und übermäßige Schreckhaftigkeit. Ein Jahr später hatten zwar nur zwei Prozent der Patientinnen eine voll ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, aber mehr als die Hälfte (57,3 Prozent) litt noch immer unter posttraumatischen Symptomen. „Es ist bemerkenswert, dass die hohe seelische Belastung durch die Erkrankung über einen so langen Zeitraum bestehen bleibt“, sagt Hermelink.

Auch eine US-Studie aus dem Jahr 2015 hatte nachgewiesen, dass eine Krebsdiagnose sich nicht einfach so erledigt. Sogar Jahrzehnte, nachdem die Krebspatienten geheilt waren, litten viele unter körperlichen und seelischen Blessuren aufgrund der Krebserkrankung und der Therapien.

Wie schwer die Diagnose Krebs tatsächlich wiegt, zeigt der Vergleich mit anderen Auslösern von Traumata. Von den Patientinnen, die schon vor der Brustkrebserkrankung ein anderes Trauma erlebt hatten – sie waren etwa Opfer eines schweren Unfalls oder eines gewalttätigen Angriffs geworden –  hielten 40 Prozent die Diagnose Brustkrebs für die schlimmere Erfahrung.

Bildung wirkt sich positiv bei Trauma aus

Warum entwickeln aber nicht alle Patientinnen posttraumatische Belastungssymptome? Und warum hält die Belastung bei einigen Frauen mit Brustkrebs länger an? Um diese Fragen zu beantworten, durchforsteten die Forscher ihre Daten. Keinen Einfluss auf die Entwicklung und Dauer des Traumas hatte die Art der Operation oder einer Behandlung mit Chemotherapie. Dagegen wirkte sich die Bildung positiv auf die seelische Gesundheit aus. „Offenbar ist Bildung ein Marker für Ressourcen, die es erlauben, sich schneller von der psychischen Belastung durch eine Krebsdiagnose wieder zu erholen“, sagt Hermelink.

Trauma nach Brustkrebsdiagnose: Bewusstsein der Ärzte schärfen

Die Studienergebnisse seien auch vor dem Hintergrund interessant, dass das Klassifikationssystem DSM, das in der Psychiatrie als Leitfaden für Diagnosen verwendet wird, seit dem Jahr 2013 lebensbedrohliche Erkrankungen nicht mehr als potenzielle Auslöser für Traumata aufführt. „Vor dem Hintergrund unserer Studienergebnisse und meiner Erfahrungen aus der Arbeit mit Brustkrebspatientinnen als Psychoonkologin halte ich das für falsch“, sagt Hermelink. „Ärzte sollten sich bewusst sein, dass nach einer Brustkrebs-Diagnose ein Großteil der Patientinnen posttraumatische Belastungssymptome entwickelt und eine entsprechende Unterstützung benötigt.“

Quelle: Varinka Voigt et al. Clinically assessed posttraumatic stress in patients with breast cancer during the first year after diagnosis in the prospective, longitudinal, controlled COGNICARES study. Psycho-Oncology, 22.2.2016

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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