Krebsstudien – Twitter hilft bei der Patientensuche

Es gibt viele klinische Studien, die neue Krebsmedikamente erproben. An diesen könnten Krebspatienten teilnehmen, doch die Suche nach ihnen gestaltet sich oft wie nach der Nadel im Heuhaufen. Können Social Media-Kanäle wie Twitter Patienten und Studienanbieter besser verknüpfen?

Weltweit gibt es unzählige Studien, an denen Krebspatienten teilnehmen könnten. Theoretisch. Denn meist wissen sie nicht einmal, dass es Krebsstudien überhaupt gibt und wie sie sich dafür anmelden können. Umgekehrt haben Ärzte ebenfalls Probleme, geeignete Krebspatienten für die Teilnahme an Studien zu finden. Forscher der University of Pennsylvania School of Medicine haben jetzt eine neue Idee entwickelt, wie Studien und Krebspatienten besser zusammenfinden: Twitter! Der Social-Media-Kanal Twitter, zum Beispiel mit dem Hashtag  #ClinicalTrials, sei eine effektive, noch ungenutzte Quelle, um das Interesse zur Teilnahme an Krebsstudien zu fördern und die Rekrutierung der Patienten zu erleichtern.

Krebsstudien – nur wenige Krebspatienten nehmen teil

Krebspatienten können als Probanden, die neue, vielversprechende Krebsmedikamente testen, profitieren. Allerdings nehmen bislang nur rund fünf Prozent aller erwachsenen Krebspatienten an Krebsstudien teil. „Dies ist ein ungelöstes gesellschaftliches Problem“, sagt Mina S. Sedrak, die Leiterin der Studie. „Twitter könnte ein vielversprechender und neuer Weg sein, um herauszufinden, wie Krebspatienten über ihre Gesundheit kommunizieren“, so Sedrak. „Und Twitter könnte das Potenzial haben, die unbedingt nötige Rekrutierung der Patienten für klinische Studien anzukurbeln.“

Erste Ansätze, um Patienten und Ärzte besser zu vernetzen, gibt es in den USA.  Seit 2013 bietet die Patienten-Community PatientsLikeMe einen Studienfinder auf ihrer Website. Das Patientennetzwerk kooperiert mit der Nationalen Gesundheitsbehörde – dem National Health Service (NHS). Mit Hilfe des kostenlosen Tools können Patienten von überall auf der Welt passende Studien zu ihrer Krankheit und ihrem Wohnort suchen. Die Website ClinicalTrials.gov des NHS listet derzeit knapp 210,000 Studien, die in 50 Staaten und 192 Ländern rund um den Globus laufen. Über eine Stichwortsuche – etwa „breast cancer“ und „Los Angeles“ – können Patienten eine passende Studie finden.

Twitter – Tweets zum Hashtag Lungenkrebs analysiert

Viele Krebszentren nutzen Soziale Medien wie Twitter derzeit als Plattform für Informationen zum Thema Gesundheit, Krebs und Krankheitsprävention. Bislang haben nur wenige Studien untersucht, wie die Nutzer auf Twitter über Krebs kommunizieren. Gänzlich unbekannt ist, ob und inwieweit Twitter nützliche Informationen zu klinischen Krebsstudien bietet. Sedrak und Team analysierten 1.516 Tweets, die sie aus 15.346 Nachrichten mit dem Stichwort „Lungenkrebs“ zufällig ausgewählt hatten. Sie verfolgten nach, wohin die Stichworte den Nutzer führten.

56 Prozent der Tweets bezogen sich auf das Angebot psychologischer Hilfestellung oder Tipps zur Krebsprävention. Bei immerhin 18 Prozent der Tweets ging es um klinische Studien – 42 Prozent davon stammten von Einzelpersonen wie Patienten, Ärzten, medizinischem Personal, Anwälten und Laien. „Überraschend war, dass nach den Tweets zur Unterstützung und Prävention die klinischen Studien die zweitgrößte Kategorie war“, sagt Sedrak.

In den meisten Tweets zu den Krebsstudien ging es um die Forschung zu einem neuen Medikament oder medizinischen Gerät. Viele Tweets beschäftigten sich mit der Immuntherapie, die zum Zeitpunkt der Untersuchung (Januar 2015) noch Gegenstand der Forschung war. Von den Tweets zu therapeutischen klinischen Studien betrafen stolze 79 Prozent die Immuntherapie. 86 Prozent besaßen weiterführende Links auf Nachrichten-Artikel zu der neuen Therapie.

Teilnehmer für Krebsstudien gesucht – kein Tweet wurde genutzt

Doch die Studie deckte auf, dass keiner dieser Tweets dafür genutzt wurde, um Patienten für eine Studie zu gewinnen. Bis auf einen einzigen Tweet linkte keiner auf Webseiten, auf denen sich Krebspatienten für eine Studie anmelden und einschreiben konnten. Die aktuelle Studie trage zwar zum Verständnis bei, wie sich Menschen auf Twitter Informationen über Lungenkrebs besorgen. Ob Twitter aber eine verlässliche Methode zur Verbreitung von Gesundheitsinformationen ist, um die Behandlung von Krebspatienten zu verbessern, sie zu unterstützen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für die Teilnahme an Studien zum Thema Krebs zu schärfen, müsse weiter erforscht werden. „Social Media könnte Krebszentren, Forschern und Ärzten eine Plattform bieten, um sich mit der Öffentlichkeit auf eine neue, effektive Art zu begegnen. Das Potenzial ist noch vollkommen ungenutzt“, so Sedraks Fazit.

Quelle: Sedrak MS, Cohen RB, Merchant RM, Schapira MM. Cancer Communication in the Social Media Age. JAMA Oncology, published online 3.März 2016. doi:10.1001/jamaoncol.2015.5475

Weiterführende Informationen

  1. BrustkrebsStudien, Internetangebot hilft bei der Suche nach geeigneten, aktuellen Brustkrebs-Studien mit Studienfinder.
  2. PROSA – Plattform Regionaler Onkologischer Studienaktivitäten
  3. Deutsches Krebsforschungszentrum (dkfz), Informationen zu klinischen Studien für Krebspatienten
  4. Deutsche Krebsgesellschaft, Informationen zu klinischen Studien in der Krebstherapie
  5. ClinicalTrials.gov, Service der U.S. National Institutes of Health, clinicaltrials.gov
  6. PatientsLikeMe, Patienten-Community in den USA, Website zur Studiensuche

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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