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Krebs – Seele in Not

Bei einer Krebserkrankung gerät auch die Seele in Not
Bei einer Krebserkrankung gerät auch die Seele in Not © prudkov/Fotolia

Angst vor Therapie und Tod, Existenznöte, Depressionen – viele Krebspatienten haben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Jeder Dritte braucht seelische Hilfe.

Bei einer Krebserkrankung leidet nicht nur der Körper unter den Strapazen einer Chemotherapie und Bestrahlung, sondern auch die Seele nimmt Schaden. Ängste, Hilflosigkeit, Kontrollverlust, chronische Müdigkeit (Fatigue) und depressive Verstimmungen seien die häufigsten psychischen Begleiter bei Krebspatienten, ergab eine Studie deutscher Wissenschaftler. Bei rund jedem Dritten sei die Psyche so stark lädiert, dass er seelische Hilfe braucht.

Krebs wirft Fragen auf

Ein Wunder ist das nicht, drängen sich doch mit einer Krebsdiagnose existenzielle Fragen in ein Leben. Wie schlimm ist die Krebserkrankung und wie lange habe ich noch? Was werden die Krebstherapien mit mir anstellen? Was wird aus meinem Beruf und wie verdiene ich Geld in Zukunft? Wer kümmert sich um die Familie? Um nur einige zu nennen. Die Sicherheit und das Vertrauen, dass ein Mensch unabhängig ist und sein Leben selbst meistern kann, gehen für viele verloren. Im schlimmsten Fall ist die Psyche so belastet, dass sich dies auf den Erfolg der medizinischen Therapien auswirkt.

Psychoonkologie – jeder Dritte braucht Hilfe

Die Forscher hatten bundesweit mehr als 4.000 Krebspatienten zwischen 18 und 75 Jahren zu ihrem Befinden befragt. „Durchschnittlich 32 Prozent aller von uns im Rahmen von klinischen Interviews befragten Krebspatienten benötigten psychoonkologische Hilfe“, sagt Prof. Anja Mehnert vom Universitätsklinikum Leipzig. „Ein Teil der Patienten hatten sogar mit mehr als einer psychischen Störung zu kämpfen.“ Etwa sechs Prozent der Befragten wiesen zwei verschiedenen Störungen auf, bei eineinhalb Prozent der Teilnehmer waren es sogar drei oder mehr.

Angst essen Seele auf

Das Spektrum der seelischen Belastungen von Krebspatienten ist groß. Die häufigste Begleiter einer Krebserkrankung sind Angststörungen: Angst vor der Krankheit, vor der Therapie, vor der Möglichkeit des Sterbens. Jeder siebte Studienteilnehmer litt darunter.  Fast jeder neunte Betroffene hatte Schwierigkeiten, sich an die neue Lebenssituation anzupassen. An dritter Stelle lagen depressive Störungen – jeder fünfzehnte Patient war davon betroffen. Auch körperliche Beschwerden, ausgelöst durch den Stress der Erkrankung, Substanzmissbrauch oder Alkoholabhängigkeit waren bei vielen Krebspatienten nachweisbar.

Tumorart spielt eine Rolle

Besonders gefährdet waren Menschen, die an Brustkrebs, Schwarzem Hautkrebs (Malignes Melanom) oder einem Tumor des Kopf- oder Halsbereiches erkrankt waren. 42 Prozent aller Brustkrebspatientinnen benötigten psychoonkologische Hilfe, bei Kopf- oder Halstumoren waren es 41 Prozent, bei Hautkrebs 39 Prozent. Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs (20 Prozent), Magen- oder Speiseröhrenkrebs (21 Prozent) und Prostatakrebs (22 Prozent) waren weniger häufig betroffen.

„Die Krebsart, an welcher der Betroffene erkrankt ist, spielt eine wichtige Rolle nicht nur bei der medizinischen Therapie, sondern auch bei der psychoonkologischen Behandlung. Auch viele andere Faktoren, wie etwa Alter oder soziales Umfeld müssen berücksichtigt werden“, erklärt der Studienleiter Prof. Uwe Koch-Gromus vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Jeder Patient benötige auch auf seelischer Ebene eine individuelle Behandlung. Dies reiche von Informationen über Beratung bis hin zur Psychotherapie.

Gesunder Körper, gesunde Seele

Allerdings fehlen in Deutschland noch die notwendigen Versorgungsstrukturen und vor allem die Finanzierung. Das heißt auch, dass viele Krebspatienten mit ihren seelischen Nöten vollkommen alleine da stehen. Gerd Nettekoven von der Deutschen Krebshilfe betont: „Nach wie vor sind hier Gesundheitspolitik und Kostenträger gefordert.“ Es müsste sich die Erkenntnis durchsetzen, dass Krebs eine vielschichtige Erkrankung ist. Es reicht nicht, nur den Körper zu therapieren, sondern auch die Seele muss gesund werden.

Quelle: Mehnert, Anja et al.: “Four-week prevalence of mental disorders in cancer patients across major tumor entities“, Journal of Clinical Oncology, 6. Oktober 2014, DOI:10.1200/JCO.2014.56.0086.

Ingrid Müller

Ingrid Müller ist freie Medizinjournalistin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, Springer und Funke. Sie ist Buchautorin, arbeitet an digitalen Gesundheitsprojekten sowie der Gründung der Prostata Hilfe Deutschland e.V. für Männer mit Prostatakrebs mit.

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