Mammografie-Screening – Debatte entfacht

Was bringt das Mammografie-Screening? Wie viel nützt es, wie viel Schaden richtet es an? Seit Jahren werden diese Fragen heftig diskutiert. Jetzt wollen selbst Politiker, die das Screening initiiert haben, das Programm auf den Prüfstand stellen.

Das Mammografie-Screening gibt es in Deutschland seit dem Jahr 2009. Alle zwei Jahre werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zur Röntgenuntersuchung der Brust eingeladen. Die Reihenuntersuchung geriet immer wieder in die Kritik: Zu niedrige Teilnahmeraten von um die 50 Prozent, zu teuer, zu viele falsch-positive Befunde, gefolgt von unnötigen Gewebeentnahmen (Biopsien) und in Angst und Schrecken versetzte Frauen. Oft werden auch Tumoren entdeckt, die sehr langsam wachsen, nie auffällig geworden wären und den Frauen zu Lebzeiten nicht geschadet hätten – sie werden aber mit allen Mitteln der Schulmedizin „übertherapiert“. Eine subjektiv gesunde Frau wird so zur Krebspatientin. Auch sogenannte Intervallkarzinome – also jene Tumoren, die sich zwischen zwei Untersuchungen bilden – sind ein Problem.

Umgekehrt zeigten erste Ergebnisse des Screening, dass viele Tumoren in kleinen Stadien entdeckt werden. Die anschließenden Therapien fallen dann weniger heftig aus und manche Frauen kommen ohne Chemotherapie nur mit einer (oft brusterhaltenden) Operation und Bestrahlung davon.

Mammografie-Screening: Wirrwarr der Zahlen

Heiße Diskussionen gab es immer wieder um den Nutzen des Mammografie-Screenings. Bringt es einen Überlebensvorteil für die Frauen – ja oder nein? Die Kooperationsgemeinschaft Mammographie macht folgendes Zahlenspiel auf:

  • 200 Frauen werden 20 Jahre lang im Rahmen des Mammografie-Screenings alle zwei Jahre untersucht.
  • Bei 140 von 200 Frauen ist der Befund unauffällig.
  • 60 Frauen erhalten einen verdächtigen Befund, dem die Ärzte nachgehen wollen. Für 40 dieser Frauen löst sich der Brustkrebsverdacht in Luft auf. Dagegen wird 20 Frauen eine Gewebeentnahme empfohlen.
  • 10 der Frauen erhalten die Diagnose Brustkrebs im Screening. Von den übrigen 190 Frauen erhalten 3 Frauen in den 20 Jahren Screening-Zeitraum ebenfalls die Diagnose Brustkrebs.
  • Von diesen insgesamt 13 Frauen mit der Diagnose Brustkrebs sterben 3 Frauen an Brustkrebs, 10 Frauen sterben nicht an dieser Krebsart.
  • Von diesen 10 Frauen hätte 1 Frau ohne Mammografie zu Lebzeiten nichts von ihrem Brustkrebs erfahren, sie hätte ein Leben ohne Angst und Therapien geführt. 8 Frauen wären auch ohne Teilnahme am Mammographie-Screening-Programm erfolgreich behandelt worden – ein Teil davon jedoch mit aggressiverer Therapie.
  • 1 von insgesamt 200 Frauen wird durch das Mammografie-Screening vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt.

Die Zahlen stammen allerdings nicht aus Deutschland, sondern aus den Programmen anderer Länder und wissenschaftlichen Studien.

Brustkrebs-Screening – Politiker bringen Schwung in die Debatte

Jetzt wollen auch Politiker das Screening auf den Prüfstand stellen. Der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Karl Lauterbach sagte im Spiegel: „Alle neuen Erkenntnisse sprechen in der Tendenz eher gegen das Screening.“ Es sei an der Zeit, den Brustkrebscheck neu zu bewerten. Auch Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, sagt: „Dass man nach zwölf Jahren sagt, wir schauen uns das Mammografie-Screening noch mal genau an und bewerten es neu, ist sicher vernünftig.“

Sicher ist, dass die Sterblichkeit durch Brustkrebs zurückgeht. Aber das tut sie auch in Ländern, in denen es gar kein Screening gibt. Und den stärksten Rückgang gibt es bei Frauen unter 50 Jahren, die am Screening überhaupt nicht teilnehmen. Ausschlaggebend sei, dass  sich die Krebstherapien deutlich verbessert hätten.

Brustkrebs-Screening – aus gesund wird krank?

Peter Gøtzsche von der renommierten Cochrane Collaboration kritisiert das Screening schon seit Jahren äußerst scharf. „Durch das Screening werden gesunde Frauen, die nie irgendwelche Zeichen von Brustkrebs entwickelt hätten, zu Brustkrebspatientinnen gemacht“, so der dänische Medizinforscher. Der Nutzen stehe in keinem Verhältnis zum Risiko der Fehldiagnose. „Es kann vernünftig sein, sich an einem Brustkrebs-Screening zu beteiligen. Es kann aber ebenso vernünftig sein, sich nicht daran zu beteiligen, da das Screening sowohl nützen als auch schaden kann“ (Nordic Cochrane Centre 2012) Frauen sollten sich deshalb genau über das Für und Wider der Untersuchung informieren.

Frauen überschätzen Nutzen des Brustkrebs-Screenings

Und das ist offenbar dringend nötig, weil sich viele Frauen vollkommen falsche Vorstellungen von der Wirksamkeit des Mammografie-Screenings machen. Sie überschätzen den Nutzen und unterschätzten das Schadenspotenzial. So sei ein Großteil der Frauen falsch oder nicht ausreichend über Nutzen und Risiken der Mammografie informiert, ergab eine Untersuchung der Bertelsmannstiftung (3/2014).

Ähnlich große Wissenslücken hatten schon vorher Umfragen unter den Frauen ausgemacht. Befragt wurden 5.000 zufällig ausgewählte Versicherte der BARMER GEK aus den  Alterskohorten 1949 bis 1968. Rund 30 Prozent glauben demnach, dass die Mammografie vor Brustkrebs schützen könne. Auch gaben die befragten Frauen viel höhere Zahlen an bei der Frage, wie viele Frauen vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt werden.  Massiv unterschätzen die Frauen auch, wie häufig es zu falsch-positiven Ergebnissen nach dem Screening kommt. Nur neun Prozent der Frauen lagen hier richtig. Immerhin fühlten sich rund 70 Prozent der Frauen gut informiert über das Screening – trotz der Wissenslücken.

Quellen: Bertelsmann-Stiftung, http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-60D408E7-4D04E624/bst/xcms_bst_dms_39349_39350_2.pdf.

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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