Brustkrebs – das fehlende Wissen der Frauen

Brustkrebs ist häufig unter den Frauen. Aber viele Brustkrebspatientinnen wissen nicht gut Bescheid, welche genauen Merkmale ihr Brusttumor hat. Dabei wirken sich diese auf die Wahl der Krebstherapie aus.

pT1, N0, M0, R0, V0, G2 – bei Frauen mit Brustkrebs gleicht die Tumorformel aus dem pathologischen Befund oft einem Buchstaben-Zahlensalat, den es zu entwirren gilt. Und das ist nicht ganz unwichtig – auch für die Frauen selbst -, denn nach diesen individuellen Charakteristika des Brustkrebses richtet sich auch die Therapie. Eine neue Studie fand jetzt heraus, dass viele Frauen mit Brustkrebs zu wenig wissen über ihre Krebserkrankung. Ein Großteil könne keine Angaben über die Merkmale ihres Tumors machen, so die Forscher des Dana-Farber Cancer Institute in Boston, USA. Die Brustkrebspatientinnen müssten besser über ihre Krankheit aufgeklärt werden, fordern sie. Nur dann seien informierte und mündige Entscheidungen für oder gegen eine bestimmte Krebstherapie möglich.

Viele Frauen mit Brustkrebs ahnungslos

Dr. Rachel Freedman und ihre Kollegen befragten 500 Frauen mit Brustkrebs, um herauszufinden, wie gut sie über ihre Krebserkrankung Bescheid wussten. Im Blick hatten sie unter anderem das Tumorstadium (Wie groß ist der Tumor?), das Grading (wie ähnlich sind Krebszellen noch gesunden Zellen?) oder den Rezeptorstatus (wächst der Tumor unter Hormoneinfluss – ist also für Östrogen =ER und Progesteron = PgR empfindlich, hat der Tumor HER2-Rezeptoren?).

Zwischen 32 und 82 Prozent der befragten Frauen gaben an, jedes Charakteristikum ihres Brustkrebses zu kennen, zu dem sie befragt wurden. Aber nur 20 bis 58 Prozent der Damen konnten die Merkmale ihres Tumors auch korrekt wiedergeben. „Unsere Resultate zeigen, dass vielen Patientinnen das Verständnis für ihre Brustkrebserkrankung fehlt“, erklärt Freedman. „Es gibt eine Notwendigkeit, die Patienten besser mit Informationen zu versorgen und die Aufmerksamkeit der Ärzte für dieses Thema zu schärfen“, so Freedman weiter.

TNM-Klassifikation: Der Schlüssel zur Tumorformel

Der pathologische Befund enthält eine ganze Reihe von individuellen Merkmalen des Krebses, die Ärzte anhand der Gewebeprobe bestimmen. Denn Krebs ist nicht gleich Krebs – und Brustkrebs auch nicht gleich Brustkrebs. Und danach richtet sich auch die Krebstherapie.

Wichtig ist die sogenannte TNM-Klassifikation. Das Tumorstadium T besagt zum Beispiel, wie groß der Tumor ist – das reicht von Tis, einem Carcinoma in situ, bis hin zu T4, hier hat der Tumor jeder Größe schon die Haut oder Brustwand befallen. Der Buchstabe N steht dagegen für das englische Wort „node“, also Lymphknoten. Bei N0 sind noch keine Krebszellen in die Lymphknoten gewandert, bei N3 sind mehr als zehn Lymphknoten von Tumorzellen befallen.

M steht für Metastasen. Sie entstehen, wenn Krebszellen schon in andere Organe gewandert sind und sich dort abgesiedelt haben. Bei Brustkrebs sind es meist die Lunge, Knochen, Leber und das Gehirn. M0 bedeutet: keine Metastasen nachweisbar, bei M1 haben Ärzte Absiedlungen gefunden.

Grading – die Veränderung der Krebszellen

Ein weiterer wichtiger Buchstabe ist das G (engl. Grading) – hier werden die Krebszellen unter dem Mikroskop nach ihrem Aussehen beurteilt. Das Grading beschreibt, in welchem Ausmaß die Zellen des Tumorgewebes im Vergleich zum gesunden Gewebe verändert sind. Pathologen können so Aussagen über die Biologie der Krebszellen machen und auch darüber, wie aggressiv sie sind. Je höher das Grading (von G1 bis G3), desto aggressiver ist auch der Brustkrebs.

Der Buchstabe R bezieht sich auf das Resttumorgewebe nach der Operation. RO heißt, der Brustkrebs wurde komplett entfernt, bei R1-2 muss dagegen nachoperiert werden. Die Buchstaben V und L stehen für einen Blutgefäß- beziehungsweise Lymphgefäßeinbruch der Tumorzellen.

Hormon- und HER2-Rezeptoren

Bei rund 70 Prozent aller Brustkrebspatientinnen wächst der Tumor unter Hormoneinfluss. Dann gibt es bestimmte Andockstellen für Östrogen und Progesteron auf den Krebszellen – und die lassen sich nachweisen. Für ER- und PgR-positive Frauen mit Brustkrebs kommt zum Beispiel eine Antihormontherapie infrage. Rund 25 Prozent haben den sogenannten HER2-Rezepor (human epidermal growth receptor 2). Für sie eignet sich eine Therapie mit dem Medikament Herceptin, einem Antikörper. Ohne diese Rezeptoren wären die Therapien nutzlos.

Mehr Wissen, informierte Entscheidungen

Nicht jede Frau mit Brustkrebs erhält also die gleiche Therapie – bei den einen ist etwa aufgrund der Krebsbiologie keine Chemotherapie nötig, bei anderen würde eine Antihormontherapie gar nichts bringen, weil die Rezeptoren fehlen. Die Studienautoren sagen deshalb: Wenn man das Verständnis der Frauen verbessere, warum eine bestimmte Behandlung in ihrer individuellen Situation nötig ist, könnte sie auch informierte Entscheidungen treffen und sich eher mit der Krebsbehandlung anfreunden. Und das wiederum führe zu einem höheren Vertrauen und Selbstbewusstsein sowie einer größeren Zufriedenheit mit den Krebsärzten – und diese wenden die Therapie ja schließlich auch an.

Quellen:

  • Rachel A. Freedman, Elena M. Kouri, Dee W. West, and Nancy L. Keating: „Racial/ethnic disparities in knowledge about one’s breast cancer characteristics“, CANCER, Online-Veröffentlichung, 26. Januar 2015, DOI: 10.1002/cncr.28977.
  • S3-Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, Aktualisierung Juli 2012;

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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