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Chemotherapie – Kühlhaube gegen Haarausfall

Eine Kühlhaube könnte vor Haarausfall bei Chemotherapie schützen.
Chemotherpie: Kälte kann den Haarausfall vermindern © Andrey Popov/Fotolia

Eine Chemotherapie bei Krebs bedeutet meist, dass die Haare verloren gehen. Und das setzt den meisten Frauen seelisch zu. Jetzt feilen Forscher an einer neuen Methode, um die Haare zu erhalten – Kühlhauben!

«Werde ich meine Haare verlieren?» Das ist meist die erste Frage von Krebspatienten, wenn ihnen Ärzte eine Chemotherapie nahebringen. Denn der chemische Cocktail richtet sich nicht nur gegen Krebszellen, die sich schnell teilen, sondern gegen alle Zellen, die dies tun. Und dazu zählen neben den Immunzellen beispielsweise auch die Zellen der Haare. Schon kurz nach der ersten Runde Chemotherapie fallen den meisten Krebspatienten, die ohnehin emotional im Ausnahmezustand sind, auch noch die Haare aus. Der kahle Kopf macht den Krebs für die Patienten selbst, aber auch für die Außenwelt erst richtig sichtbar. Viele fürchten das gesellschaftliche Stigma, gegen das auch Perücken, Hüte, Mützen und Tücher oft nur wenig ausrichten können.

Kühler Kopf lässt Haare überleben

Jetzt haben Forscher der University of Huddersfield Tests mit speziellen Kühlhauben durchgeführt, die vor dem Haarverlust schützen sollen. Die Idee dahinter: Patienten bekommen eine weiche Silikonkappe aufgesetzt, die wie eine Badekappe straff anliegen muss. Dann wird die Kopfhaut sensorgesteuert auf vier bis sechs Grad heruntergekühlt, indem ein Kühlmittel durch die Kappe zirkuliert.

Die niedrigen Temperaturen sollen den Blutfluss in der Kopfhaupt und den Stoffwechsel der Haarzellen verlangsamen. So haben es Zytostatika schwerer, zu den Haarwurzeln durchzudringen und sie zu schädigen. Um rund 80 Prozent solle das Risiko durch die neue Technologie sinken, dass sich die Haare der Krebspatienten davon machen, so die Wissenschaftler von der University of Huddersfield, die mit dem Hersteller der Kühlhauben, Paxman, zusammenarbeiteten.

„Wenn ein Patient zu uns kommt und uns fragt, wie hoch die Chancen sind, die Haare zu behalten, müssen wir ehrlicherweise sagen: ‚ungefähr 50 Prozent‘“, sagt Richard Paxman, der Managing Director. Das ist sicherlich noch hoch geschätzt, denn nur bei wenigen Arten der Chemotherapie bleiben die Haare dort, wo sie sind. Die Mehrheit muss mit dem Haarverlust rechnen. „Nun visieren wir die 80 Prozent an, und ich glaube, dass uns das gelingen wird, wenn wir die wissenschaftlichen Mechanismen hinter dem Haarverlust besser verstehen“, so Paxman weiter.

Kühlung im Labor

Die Forscher um Omar Hussain stellten die Effekte, welche die Technik des Kopfhautkühlens hat, unter Laborbedingungen nach. Aus Haarfollikeln entnahmen sie Zellen und unterzogen sie einer Chemotherapie.  Verwendet wurden gängige Chemotherapeutika wie Docetaxel, Doxorubicin und ein aktives Abbauprodukt des Cyclophosphamid (4-OH-CP). Die Experimente führten sie bei verschiedenen Temperaturen durch – von 37 Grad Celsius, der normalen Körpertemperatur, bis hin zu niedrigeren Werten. Als die Temperatur fiel, überlebten auch mehr Haarzellen, so das Ergebnis. Das Kühlen könne die Toxizität der Medikamente nennenswert reduzieren oder komplett ausschalten. „Im Vergleich zu den 37 Grad Celsius gibt es große Unterschiede“, sagt Omar. „Bei niedrigeren Temperaturen werden Zellen gerettet und bleiben in einem guten Zustand. Dies ist auf den Kühleffekt zurückzuführen“, so Omar. Die optimale Kühltemperatur müsse noch endgültig bestimmt werden, sie liege aber definitiv unter 22 Grad Celsius.

Nach Brustkrebs – schneller wieder normal fühlen

Die Idee mit den Kühlhauben gegen den drohenden Haarverlust ist nicht neu. Es gibt eine Reihe von Studien dazu. Auch einige Krankenhäuser in Deutschland bieten die Kältehauben während der Chemotherapie an. Sie sind auf Sponsoren angewiesen, die Kassen zahlen den Einsatz der kühlen Kappen nämlich nicht. Das ist sicher auch ein Grund, warum sich die kühlen Mützen bislang noch nicht flächendeckend in den Arztpraxen und Kliniken durchgesetzt haben.

Eine Befürchtung der Ärzte ist zudem, dass die Substanzen der Chemotherapie aufgrund der Kälte möglicherweise einige Krebszellen in der Kopfhaut nicht erreichen – hier besteht potenziell das Risiko für Kopfhautmetastasen. Und das wäre natürlich nicht zielführend, denn es geht ja darum, alle möglicherweise verbliebenen Krebszellen im Körper verschwinden zu lassen. Unklar ist auch, welche Patienten am meisten davon profitieren oder wie kalt die Kopfhaut sein sollte. Die Kühlhauben wirkten in Untersuchungen nicht bei allen Krebspatienten gleich gut. Aussagekräftige, qualitativ gut gemachte Studien fehlen noch zu diesem Thema.

Die Kühlhaben könnten aber Krebspatienten motivieren, eine Chemotherapie zu machen und sie nicht aus Angst vor dem drohenden Kahlschlag auf dem Kopf aufzuschieben. Und sie könnten Krebspatienten helfen, sich schneller wieder normal zu fühlen, wenn die Haare nicht büschelweise ausfallen.

Quellen:

  • Omar, Hussein et al.: „Use of in vitro human keratinocyte models to study the effect of cooling on chemotherapy drug-induced cytotoxicity“, Toxicology in Vitro, Volume 28, Issue 8, Dezember 2014, Pages 1366–1376, doi:10.1016/j.tiv.2014.07.011
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (dkfz), www.krebsinformationsdienst.de/leben/haare-haut-zaehne/haarausfall.php (Abruf: 19.11.2014)

Weitere Informationen:

  • Mamazone, www.mamazone.de/fileadmin/downloads/mamazone_MAG/Mamazone_Mag_2013_02.pdf
    Internationale Senologie Initiative (ISI), http://www.senology.de/index.php/infos-downloads.html
    Hersteller der „DigniCap“, Paxman, http://www.dignicap.com/

Ingrid Müller

Ingrid Müller ist freie Medizinjournalistin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, Springer und Funke. Sie ist Buchautorin, arbeitet an digitalen Gesundheitsprojekten sowie der Gründung der Prostata Hilfe Deutschland e.V. für Männer mit Prostatakrebs mit.

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