Krebs bei Zwillingen – Tumore im Doppelpack

Das Zwillingsdasein hat seine Schattenseiten. Denn: Erkrankt der eine Zwilling an Krebs, hat auch der andere ein erhöhtes Krebsrisiko. Meist entwickeln beide Zwillinge sogar die gleiche Krebsart.

Gleiche Gene, gleiches Schicksal – auf diese Formel könnte man die Ergebnisse einer aktuellen Zwillingsstudie bringen. Wenn bei einem Zwilling eine Krebserkrankung diagnostiziert wird, muss auch der andere damit rechnen, Krebs zu entwickeln. Oft bekommen beide Zwillinge sogar die gleiche Krebsart. Dies fanden Forscher der Harvard T. H. Chan School of Public Health, Boston, der Universität Helsinki und der University of Southern Denmark heraus. Damit spielen die Gene neben dem Lebensstil (Ernährung, Bewegung) eines Menschen offenbar eine größere Rolle bei der Krebsentstehung als gedacht.

Zwillinge aus dem Krebsregister

Die Forscher wollten wissen, wie groß das familiäre Risiko für verschiedene Krebstypen ist und welche die Rolle die Gene für die Entwicklung bösartiger Tumoren spielen. Dafür analysierten die Wissenschaftler Daten des skandinavischen Zwillingsregisters, das rund 100.000 eineiige und zweieiige Zwillingspaare aus Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland umfasste. In diesen vier Ländern besitzen alle Bürger eine Identifikationsnummer, die in Patientenregistern erfasst wird. So konnten die Forscher ohne Probleme herausfinden, welche Zwillingspaare an der gleichen Krebserkrankung litten. Die Zwillinge wurden in der Langzeitstudie im Schnitt über 32 Jahre zwischen 1943 und 2010 beobachtet. Anaylsiert wurden häufige Krebsarten wie Brust-, Darm- oder Prostatakrebs, aber erstmals auch seltene Tumoren wie Hodenkrebs, Gehirntumore, Melanome, Eierstockkrebs und Magenkrebs.

Zwillinge – Krebserkrankung oft im Doppelpack

Insgesamt wurde bei 23.980 Zwillingen Krebs diagnostiziert. Bei 1383 eineiigen und 1933 zweieiigen Zwillingspaaren erkrankten gleich beide Zwillinge an Krebs. Sobald der eine Zwilling an Krebs erkrankt war, hatte der andere ein drastisch erhöhtes Risiko, ebenfalls einen bösartigen Tumor irgendeiner Art zu entwickeln. Bei eineiigen Zwillingen erhöhtes sich dieses Erkrankungsrisiko um 46 Prozent, bei zweieiigen um 37 Prozent. In der Normalbevölkerung liegt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, „nur“ bei 32 Prozent.

Aber nicht nur die Wahrscheinlichkeit für eine Krebserkrankung war erhöht, sondern in vielen Fällen erkrankten die Zwillinge auch am gleichen Krebs. 38 Prozent der eineiigen und 26 Prozent der zweieiigen Zwillinge entwickelten die gleiche Krebsart.

Krebs – familiäres Risiko für viele Krebsarten

Für 20 von 23 untersuchten Krebsarten wiesen die Forscher ein erhöhtes familiäres Risiko nach. Im Schnitt errechneten die Forscher eine familiäre Erblichkeit für Krebs von rund 33 Prozent. Einen besonders hohes familäres Risiko wiesen sie für Hodenkrebs nach. Das Risiko von Männern für diese Krebsart war zwölfmal höher, wenn der Zwillingsbruder Hodenkrebs hatte. Bei eineiigen Zwillingen lag es sogar 28-mal höher.

Für den schwarzen Hautkrebs (maligne Melanome) betrug das erbliche Krebsrisiko 58 Prozent, für Prostatakrebs  57 Prozent und für andere Hautkrebsarten 43 Prozent. Etwas niedriger lag das Risiko für Eierstockkrebs (39 Prozent), Nierenkrebs (38 Prozent), Brustkrebs (31 Prozent) und Gebärmutterkrebs (27 Prozent). „Die Zwillinge hatten ein signifikant erhöhtes familiäres Risiko, ganz allgemein an Krebs zu erkranken“, schreiben die Forscher. Aber auch für bestimmte Krebsarten hätten die Zwillinge ein deutlich höheres Risiko. „Aufgrund der Vielzahl der teilnehmenden Zwillinge und des langen Beobachtungszeitrums können wir jetzt genetische Schlüsseleffekte für viele Krebsarten sehen“, sagt  Jacob Hjelmborg von the University of Southern Denmark.

Quelle: Lorelei A. Mucci et al. Familial Risk and Heritability of Cancer Among Twins in Nordic Countries. JAMA. 2016;315(1):68-76. doi:10.1001/jama.2015.17703, 5. Januar 2016.

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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