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Brustkrebs-Reha – jung und zurück ins Leben

Krebs-Reha: Wieder zurück ins Leben nach Brustkrebs (c) Hello_beautiful/Photocase.com
Krebs-Reha: Wieder zurück ins Leben nach Brustkrebs (c) Hello_beautiful/Photocase.com

Brustkrebs trifft manche Frauen jung. Eine Rehaklinik in Bad Überkingen, nahe der Schwäbischen Alb, päppelt die gezeichneten Körper und Seelen der jungen Frauen wieder auf.

Es ist ein Tag im ausgehenden September, der Himmel trüb, der Wind treibt die Wolken voran, der Spätsommer hat eine Pause eingelegt in Bad Überkingen, einem verschlafenen, malerischen Städtchen am Rand der Schwäbischen Alb mit knapp 2.000 Einwohnern, berühmt für sein Mineralwasser und seine Heilbäder. Der einzige Bäcker im Ort kredenzt dampfenden Kaffee auf der Terrasse, an der Straße haben sich Menschen postiert, die neugierig fremden Autos hinterhersehen. Man kennt sich untereinander, verirren kann sich hier niemand. Auf einer kleinen Anhöhe hat ein Architekt einen großen, leuchtend-roten Farbtupfer inmitten einer Hügellandschaft mit sattem Grün gesetzt. Die Luise von Marillac Klinik, eine onkologische Rehabilitationseinrichtung nur für Frauen mit Brustkrebs. Junge Frauen, wie Miriam eine ist. Ihren richtigen Namen will sie nicht im Internet lesen. Gerade mal 41 Jahre zählt sie, und erst drei Jahre ist es her, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Ein Alter, in dem es für andere im Job aufwärts geht, sie die Welt bereisen oder eine Familie planen.

Rehaklinik mit Garten der Sinne

Zuversicht. Hoffnung. Kraft. Vertrauen. Diese Worte sind schon am Eingang der Rehaklinik in großen, farbigen Lettern auf die Wand gemalt. Auch auf jeder Etage finden sich positive Begriffe wie diese als Erinnerung daran, dass auch alles wieder gut werden kann. Es sei Zufall – oder eben Vorsehung – wie Ordensschwester Raphaela, die Oberin der Klinik und der gute Geist des Hauses, lächelnd sagt, wer ein Zimmer in welchem Stockwerk mit welchem Mutmacher an der Wand bezieht. Der innere Zustand und die Fragen, welche die Frauen umtreiben, ließen sie in jedem Fall die richtige Etage finden. Das Ambiente erinnert mehr an ein Wellnesshotel der höheren Klasse als eine Reha-Einrichtung. Ein Fitnessraum im Erdgeschoss, in dem Frauen ihre Kraft trainieren, eine Tür weiter die Gymnastikhalle zum Entspannen mit Zumba und Yoga. Aus dem Zimmer daneben wehen Klavierklänge über den Flur, ein paar Schritte weiter Staffeleien, Töpfe und Farben, dort wird gemalt in der Kunsttherapie. In der Nähe des Empfangstresens steht eine Vitrine mit Cremes und Lippenstiften, mit denen sich die Schönheit, das Selbstbewusstsein und Wohlgefühl der jungen Frauen aufpolieren lassen.

46 Zimmer besitzt die Klinik mittlerweile mit WLAN, Panoramafenster mit Blick zum Garten der Sinne oder ins Grüne und Kunstwerken an den Wänden. Auf das Dach haben die Betreiber eine neue Etage gestülpt, weil Brustkrebs immer mehr Frauen jung trifft und die Nachfrage nach Rehaplätzen, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, steigt. Etwa ein Viertel der rund 70.000 Frauen, die jährlich neu an Brustkrebs erkranken, sind jünger als 50 Jahre. Etwa zehn Prozent erkranken mit 35 Jahren oder sogar noch früher. Die Klinik betreut Frauen mit Brustkrebs in einem Rundumkonzept – von der Diagnose über die Operation, Strahlenbehandlung und Chemotherapie bis hin zur stationären Rehabilitation und der Wiedereingliederung in den Alltag und Beruf.

„Konnte anfangs keine Minute still stehen“

Miriam klettert vorsichtig die Treppen aus dem Stockwerk „Zuversicht“ herab, trippelt mit flinken Schritten den Flur entlang in den Besprechungsraum, nimmt auf einem Bürostuhl Platz und greift zu einer Johannisbeerschorle, die sie mit Schwung in ein Glas auf dem Tisch kippt. Den frisch gebackenen Apfelkuchen lässt sie links liegen. Miriam steckt in blauen Jeans, einer pinkfarbenen Bluse mit einem schwindelerregenden Muster aus den 70ern, darüber hat sie eine enge weinrote, ärmellose Daunenweste gestreift, den Reißverschluss bis unters Kinn festgezurrt. Auf ihr blondes, struppiges Haar wie bei einem freundlichen, ungestriegelten Pony hat sie eine schwarze Mütze gestülpt. „Das ist doch keine Frisur!“, schimpft sie und lacht. Seit einigen Wochen schluckt sie eine Chemotherapie in Tablettenform, die das Haupthaar bald ausfallen ließ, während die Nackenhaare trotzig stehen blieben. Deshalb der zarte Wildwuchs auf dem Kopf. 

Zweieinhalb Wochen ist sie nun hier in der Klinik, und eine Selbstverständlichkeit ist es nicht, dass sie auf ihren eigenen Beinen umherlaufen kann. „Anfangs konnte ich keine Minute still stehen und fing an zu schaukeln, weil die Muskeln nicht richtig funktionierten“, erzählt sie. Sogar im Rollstuhl hatte sie einige Zeit verbracht, weil Infektionen, die sie sich von ihren Kindern eingefangen hatte, das Immunsystem lahmlegten. Mit 38 Jahren erhielt sie zum ersten Mal die Diagnose Brustkrebs und die Mutter zweier kleiner Kinder verlor beide Brüste. Strahlen-, Antikörper- und Chemotherapien folgten, die ihr zwar körperlich zusetzten, aber den Krebs zwei Jahre lang im Zaum hielten. Dann spürte sie auf einmal nie zuvor gekannte Kopfschmerzen und die Ärzte diagnostizierten Metastasen im Gehirn – sie durchlief noch härtere Krebstherapien. „Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl“, erzählt Miriam. „Schon bei der ersten Krebsdiagnose waren sehr viele Lymphknoten von Krebszellen befallen.“ Kein gutes Zeichen, wie die Ärzte ihr schonend beibrachten. Denn das hieß, dass der Krebs schon zu diesem Zeitpunkt zu wandern begonnen hatte.

Kampf dem Krebs und den Folgen

Der Brustkrebs und die Tumortherapien zeichnen den Körper und die Seele der Frauen, auch Miriams. Das Blutbild verändert sich, die Abwehrkräfte schwinden, die körperliche Fitness leidet, die Haare fallen aus und auch die Haut leidet. Viele verspüren Taubheitsgefühle und Schmerzen in den Extremitäten, weil einige Chemotherapeutika die Nerven schädigen. Manche Frauen überfällt eine bleierne Müdigkeit und chronische Erschöpfung. Diese Fatigue macht einen normalen Alltag, Freizeitaktivitäten oder den Beruf oft unmöglich. Solche Auswirkungen der Krebserkrankung will die onkologische Reha mildern oder beseitigen. Innerhalb eines Jahres nach dem Abschluss der Krebstherapien beginnt sie. In der Regel dauert sie drei Wochen, aber auch ein längerer Aufenthalt oder eine weitere Reha ist möglich.

Ärzte und Physiotherapeuten setzen eine Reihe von Therapien ein, um die Fitness der Brustkrebspatientinnen zu verbessern und die Psyche zu stabilisieren. Entspannungstechniken wie Yoga und Autogenes Training lindern Stress, während Zumba, Pilates, Zirkeltraining und Nordic Walking die Frauen ins Schwitzen und die körperliche Leistungsfähigkeit auf Vordermann bringen. Um Bewegung kommt keine Frau in der Reha herum, aber sie soll Spaß machen. Sport steigert die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit, macht den Brustkrebspatientinnen Mut und stärkt das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Regelmäßige körperliche Aktivität kann Studien zufolge sogar das Rückfallrisiko senken. Die Frauen kommen heraus aus der Passivität, der sozialen Abgeschiedenheit und dem Gefühl, der Krankheit hilflos ausgeliefert zu sein. Bewegung lässt sie wieder teilhaben am Leben.

Wieder fit und schön sein

Damit keine Frau überfordert wird, stellen Ärzte zuvor in einem Leistungstest fest, wie fit sie ist. Für Miriam dachten sich die Ergotherapeuten der Rehaklinik ein spezielles Geräte- und Krafttraining aus. Sie stemmte täglich Gewichte im Kraftraum und stärkte so nicht nur die Beinmuskeln, sondern auch jene im rechten Arm. Denn dieser war nach der Operation, bei der mehr als 30 Lymphknoten entfernt worden waren, nicht mehr wie früher zu gebrauchen. Sie versuchte es mit Yoga und Qigong, bislang Neuland für sie, und fand heraus, dass beides nicht ihres war. Also packte sie die Nordic Walking-Stöcke und stapfte die hügelige Landschaft vor den Toren der Klinik auf und ab, erst fünf Kilometer, dann zehn. „Früher bin ich zwar in den Alpen herumgeklettert, aber immerhin“, freut sie sich.

Auch der Schönheit und Attraktivität, die für viele junge Frauen ein wichtiges Thema ist, helfen Kosmetikerinnen der Klinik auf die Sprünge. Sie zeigen ihnen in Kursen, wie sie ausgefallene Augenbrauen und Wimpern mit der richtigen Schminktechnik kaschieren, Akne unsichtbar machen, welche Pflege eine strapazierte Haut benötigt und welche Kleider sie schick aussehen lassen. Außerdem lernen die Frauen in einer Schulung zur Körper- und Selbstwahrnehmung, ihre Narben nicht nur zu behandeln, sondern sie auch anzufassen, was wichtig für die Psyche ist.

„Frauen wollen ihre Normalität zurück“

Die onkologische Rehabilitation hat aber nicht nur den Körper von Krebspatientinnen im Blick, sondern unterstützt sie beim beruflichen Wiedereinstieg  und der Entwicklung von Zukunftsperspektiven. „Junge Frauen, die mitten im Leben stehen, beschäftigen vor allem die Partnerschaft, Sexualität, ein möglicher Kinderwunsch, die Arbeitsfähigkeit und zukünftige berufliche Pläne. Die meisten Frauen wollen ihre Normalität zurück“, sagt Dr. Katja Seemund, leitende Ärztin an der Luise von Marillac Klinik weit. So hilft der Sozialmedizinische Dienst bei drängenden Fragen: Ist ein Schwerbehindertenausweis sinnvoll? Welche Vor- und Nachteile bringt er mit sich? Kann ich meinen ursprünglichen Beruf wieder ausüben? Bin ich ausreichend leistungsfähig für einen Vollzeitjob? Seemund sagt: „Bei einer sitzendenden Tätigkeit ist das vielleicht kein Problem, aber bei einer Dachdeckerin, die wir auch schon in der Reha hatten, ist die Rückkehr in den Beruf problematisch.“ Miriam, die Juristin ist, kann ihren früheren Vollzeitjob in einer Anwaltskanzlei jedenfalls nicht mehr ausüben. „Den Beruf habe ich geliebt, er war mein Traum“, erzählt sie wehmütig. Jetzt bezieht sie eine Erwerbsminderungsrente und sagt: „Ich will die schönen Momente mit meinen Kindern und meinem Mann genießen – dafür brauche ich sämtliche Kraft und Energie.“

Das Leiden der Angehörigen

Giacomo Pucci* ist Miriams Mann. Ein waschechter Italiener, reflektierter Redner und quirliger Geist, der seit elf Jahren eng an ihrer Seite steht. „Einen Menschen, den man liebt, kann man nicht alleine lassen, schon gar nicht in einer solchen Situation“, sagt er. Allerdings musste er selbst erst einmal mit der tiefen Wunde, die die Krebsdiagnose in das Familienleben geschlagen hatte, umgehen lernen. Ängste, aufgewühlte Gefühle und viele Fragen machten ein rationales Denken nahezu unmöglich. Der Kopf war leer, der Körper kraftlos und viele Abende verbrachte er ausgelaugt auf der Couch. „Einen solchen Zustand kannte ich vorher nicht.“ Die Krebserkrankung bringt die Seele nicht nur der Krebspatienten, sondern aller Beteiligten in Not. Bisweilen leiden Angehörige sogar stärker unter der Krebserkrankung als die Patienten selbst. Er, der als Handwerker abwechselnd in Früh- und Spätschichten arbeitete, musste viele Pläne und Träume aufgeben und den Alltag mit zwei kleinen Kindern neu organisieren. „Ich wusste nicht, was auf mich zukommt“, erzählt er. Aber Freunde, Kollegen und Nachbar halfen mit. Es meldeten sich auch Leute bei ihm, an die er gar nicht gedacht hatte. Der eine holte die Kinder von der Schule ab, der andere mähte den Rasen, der nächste ging Einkaufen, während Ärzte Miriams Krebserkrankung stabilisierten. Fragen musste er niemanden, alle boten freiwillig ihre Hilfe an. Giacomo rieten sie aber: „Du bist ebenso wichtig, du musst auch an dich denken und Kraft tanken für die Familie“.

So wechselte er den Job innerhalb der Firma, um geregelte Arbeitszeiten zu haben, der Chef half ihm dabei. Er traf auf neue Kollegen, die Ähnliches erlebt hatten, und von denen er sich verstanden fühlte. „Arbeit ist ein Stück Normalität, lenkt ab und die ist unverzichtbar, wenn das Leben aus den Fugen gerät.“ Weil er nachts nicht mehr schlafen konnte, tauchte er ein in die Welt der Musik, die schon immer mehr als ein Hobby für ihn war. Er textete Lieder für Miriam und zupfte sie anschließend für sie auf der Gitarre. „Musik ist meine Therapie“, erzählt der 42-Jährige. Er las viel über die Krebserkrankung seiner Frau, holte sich Tipps von Ärzten und verabreicht ihr heute unterstützende Injektionstherapien zur Stärkung des Immunsystems, die ein Heilpraktiker verschreibt. „Ich bin froh, wenn ich etwas tun kann“, erzählt er. Als Vater spricht er mit seinen Kindern und erklärt ihnen die neue Situation. „Kinderfreundlich“, wie er sagt, damit sich in den Kinderköpfen keine Hirngespinste bilden. Er sagte ihnen, dass Mama krank ist, Chemo bekommt und auch, dass sie sterben kann – es aber nicht muss. „Sie verstehen das oft nicht – wir Erwachsenen ja auch nicht.“

Zuhören, wie es anderen geht

Wie ihr Mann muss auch Miriam versuchen, sich ihren Ängsten und Gefühlen zu stellen und sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Angst vor weiteren heftigen Therapien, Angst vor der Hilflosigkeit, Angst vor dem Siechtum, Angst vor dem Tod. Miriam sprach darüber mit einer Psychoonkologin und anderen Brustkrebspatientinnen, um sich ihren Ängsten zu stellen. Eine Frage beschäftigte sie am meisten: Wie wird es weiter gehen mit mir, meinem Mann und den Kindern? Sie stellte fest, dass die Furcht noch größer wurde, sobald sie bestimmte Themen laut aussprach. Deshalb sagte sie nichts mehr, sondern lauschte anderen. „Es tat gut zu hören, wie es anderen geht und wie sie mit der Bedrohung umgehen“, erzählt sie. Gynäkologin Seemund, die gleichzeitig Psychotherapeutin ist, sagt: „Das gleiche Krankheitsbild erleichtert es den Frauen meist, sich anderen zu öffnen.“ Die Expertin half auch bei der Frage, wie viel Wahrheit sie ihren Kindern zumuten darf, ohne einen bleibenden seelischen Schaden bei ihnen anzurichten. Und sie vermittelte Adressen in der Nähe ihres Heimatortes, an die sie sich in Zukunft in allen Fragen wenden kann.

„Frauen verlassen die Reha verändert“

Viele Krebspatienten stellen sich zudem die Schuld-Frage: Was habe ich falsch gemacht? Ordensschwester Raphaelas Antwort: „Nichts! Und auch auf die Frage ‚warum ich?‘ gibt es keine Antwort.“ Die Krankheit sei kein Makel, der einen Menschen aus der Gesellschaft ausstoße, sondern eine Chance, bewusster zu leben und achtsamer mit sich umzugehen. So kommen viele Frauen in der Reha mit sich selbst in Kontakt, testen Leistungsgrenzen aus und machen neue Erfahrungen, etwa wenn sie das erste Mal mit Prothesen-Badeanzug ins Schwimmbad gehen.  „Viele finden Antworten, wie sie einen guten Alltag leben und wieder Freude empfinden können – das steht nämlich nicht im Therapieplan. Die Frauen verlassen die Reha verändert“, weiß Schwester Raphaela.

Miriam schmiedet jedenfalls wieder Pläne, obwohl vielleicht nicht alle umsetzbar sein werden. „Nächstes Jahr will ich auf einen Berg ganz oben hinauf, und wenn es mit der Seilbahn ist. Herunterlaufen kann ich bestimmt!“, erzählt sie und die grau-blauen Augen blitzen vergnügt. Und tanzen will sie wieder, wie früher zu Studienzeiten. „Am liebsten Tango und Flamenco.“ Mit ihrem Mann.

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Ingrid Müller

Ingrid Müller ist freie Medizinjournalistin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, Springer und Funke. Sie ist Buchautorin, arbeitet an digitalen Gesundheitsprojekten sowie der Gründung der Prostata Hilfe Deutschland e.V. für Männer mit Prostatakrebs mit.

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