Brustkrebs – Doktoren unterschätzen Hitzewallungen

Bei vielen Frauen mit Brustkrebs wächst der Tumor unter Hormoneinfluss. Die Antihormontherapie ist eine wichtige Therapiesäule. Aber: Was hilft gegen die Hitzewallungen & Co?

Der Schweiß rinnt von der Stirn, Hitze breitete sich im ganzen Körper aus und man würde sich am liebsten die Kleider vom Leib reißen: Hitzewallungen sind eine unangenehme Angelegenheit für Frauen, die aufgrund von  Brustkrebs mit einer Antihormontherapie behandelt werden, und so schlagartig in die Wechseljahre katapultiert werden. Die Hitzeschübe kommen meist unvermittelt im Kaufhaus, am Schreibtisch oder abends beim Fernsehen – und das gleich mehrfach am Tag ohne Vorwarnung. Hier heißt es, sich schnell und viel Luft zu machen, damit man nicht im eigenen Saft ertrinkt.

Ratlose Doktoren bei Hitzewallungen

Eine neue Studie der University of Southampton ergab jetzt, dass viele behandelnden Ärzte die Hitzewallungen nicht ernst genug nehmen. Und das, obwohl für manche Frauen die Hitzeschübe ein Grund sind, um ihre Medikamente wie etwa Tamoxifen oder Aromatasehemmer gegen den Krebs in der Schublade stecken zu lassen.

Die Forscher um Dr. Debbie Fenlon nahmen zwei Studien unter die Lupe, an denen Ärzte und 666 Frauen beteiligt waren, die wegen Brustkrebs behandelt worden waren. Die Onkologen wussten zwar, dass ihre Patientinnen unter Hitzewallungen litten und ihre Lebensqualität beeinträchtigt war, boten aber keine geeignete Hilfe oder Behandlung an. Die Mehrheit der Mediziner (94 Prozent) stimmte zu, dass Hitzewallungen eine bislang unbewältigte Herausforderung seien.

Kluft zwischen Arzt und Brustkrebspatientin

Die Frauen erlebten die Beeinträchtigungen durch die Hitzewallungen deutlich stärker als dies die Ärzte wahrnahmen. Die Mehrheit der Doktoren  notierte, dass nur 10 bis 30 Prozent ihrer Patientinnen unter Hitzewallungen litten, die den Alltag und die Schlafqualität beeinflussen. Dagegen gaben 94 Prozent der mehr als 600 befragten Frauen an, dass ihnen die Hitzewallungen extrem zusetzten und 75 Prozent stuften diese Nebenwirkung als Hauptproblem ihres Lebens ein – nicht den Brustkrebs. Nur 25 Prozent der Damen waren jemals von ihrem Arzt auf die Hitzeschübe angesprochen worden.

Als die Frauen auf einer Skala von 1 bis 10 angeben sollten, wie sie ihre Hitzeschübe und die Probleme damit in der vergangenen Woche einschätzten, ergab sich folgendes Bild: Die Mehrheit stufte die Hitzeschübe zwischen 6 und 10 ein. Auch das Ausmaß, wie sehr sie sich durch die aufsteigende Hitze gestörte fühlten, gaben sie mit 6 bis 10 an. Es gibt also eine gewaltige Kluft zwischen dem, was die Frauen erfahren und dem, was die Ärzte erkennen und dann auch behandeln.

Ein besorgniserregendes Ergebnis der Studie war, dass etwa ein Drittel aller Frauen mit Hitzewallungen in Erwägung zogen, die Antihormontherapie zu stoppen. Zu diesem Schluss kamen auch schon andere Studien. Fenlon kommentiert: „Au unserer Studie wird klar, dass Ärzte individuelle Entscheidungen, die auf persönlichen Erfahrungen basieren, zu weit links liegen lassen.“ Das Problem der flutenden Hitze werde unzureichend gemanagt.  „Es gibt eine Notwendigkeit, die Physiologie der Hitzewallungen besser zu verstehen und neue Therapien für dieses hartnäckige Problem zu entwickeln und zu testen“, so Fenlon weiter. „Es ist der Grund für die erhebliche Not der Frauen nach einer Brustkrebserkrankung.“

Nach Brustkrebs – Hitzewallungen betreffen viele

Mehr als 70 Prozent der Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren, erleben Wechseljahresprobleme. Vor allem Hitzewallungen setzen den Frauen nach einer Brustkrebstherapie heftig zusetzen. Die unangenehmen Hitzeschübe könnten über längere Zeit andauern und sogar für mehr als fünf Jahre nach dem Ende der Therapie bestehen bleiben, so die Forscher. Sie beeinflussten alle Aspekte des Lebens, beispielsweise den Schlaf, soziale Aktivitäten, intime Partnerschaften und sogar die Arbeitsfähigkeit.

Der Grund ist, dass Endokrine Therapien die Östrogenproduktion blockieren. Sie können aber effektiv Rückfälle und die Bildung von Metastasen verhindern. Auch bei  schon vorhandenen Metastasen können Antihormone das Krebswachstum bremsen. „Das sagt viel darüber aus, wie schwerwiegend und unangenehm die Hitzewallungen für Frauen sein müssen, wenn sie sogar einen Medikamentenstopp überlegen, um sie zu verhindern“, betont Fanlon. Denn so sind die Frauen vielleicht die Hitzeschübe los, aber der Krebs könnte wiederkehren.

Das hilft gegen die Hitzewallungen

Bis jetzt gibt es kein Medikament gegen die Hitzewallungen – eine Hormonersatztherapie, wie sie manche Frauen nach den Wechseljahren anwenden, ist für Frauen nach Brustkrebs tabu.
Es gibt allerdings einige Maßnahmen, die betroffenen Frauen helfen können und einen Versuch wert sind. Dazu zählen unter anderem Sport und Bewegung, einer gesunde Ernährung mit wenig Alkohol, Kaffee und Tee sowie ein Nikotinverzicht – dies kann das Körpergefühl verbessern. Gute Erfahrungen gibt es auch mit der Akupunktur oder Autogenem Training. Außerdem könnte der Umstieg auf ein anderes Präparat helfen. Und: Ein Kleidungsstil in der Zwiebeltechnik ist ebenfalls ein Mittel gegen die aufsteigende Glut.

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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