Brustkrebs – Chemotherapie sparen dank Gentest

Können sich einige Frauen mit Brustkrebs eine belastende Chemotherapie ersparen? Ja, bestätigte eine neue Studie. Ein Gentest zeigt ziemlich genau, wie hoch die Rückfallgefahr ist.

Haarausfall, Übelkeit, Erbrechen, Taubheitsgefühle in den Fingern und ein angeschlagenes Immunsystem – eine Chemotherapie bei Brustkrebs ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Viele Frauen unterziehen sich nach der Diagnose Brustkrebs einer Chemotherapie, obwohl sie vielleicht nicht davon profitieren und die Zytostatika ihnen mehr schaden als nutzen. Doch welcher Brustkrebspatientin bringt die Chemotherapie etwas und wer könnte sie sich ersparen? Ein Gentest, bei dem 21 Gene unter die Lupe genommen werden, könnte Aufschluss bringen. Dies ergab eine neue Studie der Loyola University.

Gentest bei Brustkrebs – wie aktiv sind 21 Gene?

Die Onkologin Dr. Kathy Albain und Team analysierten die paraffinierten Tumorproben von 10.253 Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren. Ihr Brustkrebs wuchs unter Hormoneinfluss (Hormonrezeptor-positiv) und besaß keine Andockstellen für HER2 (HER2-negativ). Zudem waren die Lymphknoten frei von Krebszellen. Trotzdem hatte der Brusttumor der Frauen Eigenschaften (z.B. Größe, Aggressivität), die eine Chemotherapie, gefolgt von einer antihormonellen Therapie eigentlich empfehlenswert gemacht hätten.

Die Forscher bestimmten mit dem Gentest Oncotype DX Recurrence Score, wie aktiv 21 Gene in den Tumorproben waren. Der Tumor erhielt eine Punktzahl zwischen 0 und 100. Je niedriger die Punktzahl war, desto niedriger war auch das Risiko, dass der Krebs in anderen Organen wie Leber, Lunge oder Gehirn erscheint, wenn die Brustkrebspatientinnen nur mit einer Antihormontherapie wie etwa Tamoxifen behandelt wurden.

In der Studie hatten 15.9 Prozent der Frauen mit Brustkrebs eine Punktzahl von 10 und niedriger im Gentest. Bei weiteren 68 Prozent lagen die Werte des Gentests im mittleren Bereich zwischen 11 und 25. Die Frauen wurden auf zwei Gruppen aufgeteilt: Gruppe eins erhielt eine Antihormontherapie plus Chemotherapie, Gruppe zwei nur eine antihormonelle Therapie.

Ohne Chemotherapie nach Brustkrebs – 98 Prozent überleben fünf Jahre

Bei Frauen, deren Tumor 10 Punkte und niedriger im Gentest bekam, erhielten nur eine Antihormontherapie wie Tamoxifen, aber keine Chemotherapie. Sie wurden über fünf Jahre engmaschig überwacht. Die Frauen hatten nur ein zweiprozentiges Risiko, dass der Brustkrebs zurück kam und in andere Organe des Körpers streute. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate der Frauen lag bei 98 Prozent. Dies sei der schlagende Beweis, dass der Gentest Frauen mit wenig aggressiven Tumoren die Chemotherapie ersparen könne, so das Fazit der Forscher. „Dies sollte eine große Beruhigung für Brustkrebspatientinnen und ihre Ärzte sein“, sagt Albain. „Frauen mit einer niedrigen Punktzahl im Multi-Gen-Test überlebten mit der endokrinen Therapie alleine“, so die Onkologin. Der Gentest gebe mehr Sicherheit, wer ohne Risiko auf eine Chemotherapie verzichten könne.

Jetzt wollen die Forscher weiter untersuchen, ob Frauen mit einer Punktzahl im mittleren Bereich beim Gentest ohne Risiko einen Bogen um die Chemotherapie machen können.

Onkotype DX – Kosten in Deutschland

Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V. (AGO) nahm den Gentest Onkotype DX im März 2014 als Empfehlung für bestimmte Brustkrebspatientinnen in Deutschland auf. Internationale Krebsexperten empfehlen den Test schon länger. Erste Ergebnisse der in Deutschland laufenden Brustkrebsstudie ADAPT2 deuteten darauf hin, dass durch den Gentest mehr als 60 Prozent der Brustkrebspatientinnen, die eigentlich Kandidatinnen für eine Chemotherapie wären, auf die Zytostatika verzichten können. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die  Kosten für den Test derzeit nur auf Einzelantrag. Anders das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Es erstattet die Kosten für den Multi-Gentest seit 2013.

Quelle: Joseph Sparano et al. Prospective Validation of a 21-Gene Expression Assay in Breast Cancer. New England Journal of Medicine (NEJM), 28. September 2015, 2015DOI: 10.1056/NEJMoa1510764

Weiterführende Informationen

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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