BRCA1 – Neues vom gefährlichen Brustkrebsgen

Ein verändertes BRCA1-Gen geht mit einem erhöhten Risiko für Brust- und Eierstockkrebs einher. Forscher haben jetzt ein ganzes BRCA1-Netzwerk ausgemacht, das Krebs entstehen lassen könnte.

Das Brustkrebsgen BRCA1 ist vielen bekannt, seitdem die Schauspielerin Angela Jolie öffentlich gemacht hat, Trägerin dieses veränderten BRCA1-Gens zu sein. Wer die defekte Variante dieses Brustkrebsgens besitzt, hat eine erhöhtes Risiko für familiären, erblich bedingten Brust- und Eierstockkrebs. Die Maßnahmen, um den Ausbruch beider Krebsarten zu verhindern, sind oft drastisch: Amputation der Brüste – Entfernung der Eierstöcke.

BRCA-Brustkrebsgen – der Blick hinter die Kulissen

Ein ähnlich hohes Risiko für Brust- und Eierstockkrebs bedeutet auch das BRCA2-Gen. Diese beiden Brustkrebs-Gene sind bislang am besten erforscht. Ein Forscherteam der Universitätsmedizin Göttingen hat jetzt das BRCA1-Gen genauer unter die Lupe genommen. Sie wollten wissen, wie dieses Brustkrebsgen genau reguliert wird. Das Ergebnis: Die Funktion dieses Erbgutabschnittes wird nicht nur durch die Veränderung (Mutation) des Gens außer Kraft gesetzt. Vielmehr verändern sich auch andere Gene, die für die Krebsentstehung wichtig sind.

Krebs durch ganzes BRCA-Netzwerk?

Das BRCA1-Gen erfüllt eine wichtige Funktion bei der Zellteilung und der Verteilung des Erbguts auf die Tochterzellen. Um mehr über die Regulation dieser Funktion herauszufinden, suchte das Forscherteam gezielt nach Eiweißen (Proteinen), die sich während der Zellteilung an das Gen binden. Zwei Proteine, das AURORA-A Onkogen und die Protein-Phosphatase PP6, analysierten die Forscher genauer. „Diese Kandidaten waren besonders interessant, weil sie genau wie BRCA1 auch häufig in Tumoren verändert sind“, sagt Dr. Norman Ertych, Erstautor der Studie.

In weiteren Experimenten stellte sich heraus, dass das Onkogen AURORA-A die Funktion von BRCA1 durch direkte Veränderung hemmt. Die Protein-Phosphatase PP6 wiederum bremst die Aktivität von AURORA-A. PP6 kann auf diese Weise – quasi indirekt – einen positiven Einfluss auf die BRCA1-Funktion nehmen. Es existiere also ein ganzes Netzwerk von Regulatoren, das insgesamt für die ordnungsgemäße Aktivität des BRCA1-Proteins verantwortlich ist. Kommt es zu genetischen Veränderungen innerhalb dieses Netzwerks, funktioniert das BRCA1 nicht mehr richtig. Somit führten genetische Veränderungen in diesen neu identifizierten Genen zum gleichen Ergebnis wie eine Mutation des BRCA1-Gens – nämlich einer Ungleichverteilung der Chromosomen auf die Tochterzellen, sagt Prof. Holger Bastians, der Leiter des Göttinger Forscherteams.

So wichtig ist ein funktionierendes BRCA1-Brustkrebsgen

So können Brustkrebs und andere Krebsarten entstehen oder voranschreiten – und zwar auch in Fällen, in denen das Brustkrebsgen selbst nicht genetisch verändert ist. Die neue Studie gibt zudem neue Anhaltspunkte dafür, dass dortige Mutationen keinesfalls allein für ein erhöhtes Brustkrebsrisiko verantwortlich sind. „Unsere Forschungsergebnisse haben wichtige Auswirkungen für die Diagnose von Krebs. Die alleinige Entdeckung von BRCA1-Mutationen reicht nicht aus, um die Funktionalität des Gens zu erkennen“, sagt Bastians. Daher sollten zumindest die Gene des neu entdeckten Netzwerks bei der genetischen Diagnose mitberücksichtigt werden.

Ein  funktionierendes BRCA1-Gen ist wichtig, damit die Zellteilung korrekt und ohne Fehler abläuft. Fehlt das BRCA1 oder ist dessen Funktion gestört, häufen sich Chromosomenschäden an und es kommt zu einem unnormalen Chromosomengehalt, den sogenannten Aneuploidien. Sie können entscheidend sein für die Entstehung und die Entwicklung von Krebs, weil sie die genetische Anpassungsfähigkeit von Tumorzellen erhöhen.

BRCA-Gene – erhöhtes Risiko für Brust- und Eierstockkrebs

BRCA1 ist die Abkürzung von BReast CAncer 1). Schon vor gut 20 Jahren wurde es als ein Tumorsuppressor-Gen entdeckt, dass vor allem bei familiär vererbten Brust- und Eierstockkrebs häufig verändert ist. Das Bruskrebsrisiko von Frauen mit einer BRCA1-Mutation liegt bei etwa 50 bis 80 Prozent; das Risiko für Eierstockkrebs bei 10 bis 40 Prozent. Mutationen des BRCA1 und BRCA2 lassen sich mit einem Gentest nachweisen. Oft entschließen sich Frauen mit BRCA1-Mutation zu einer vorbeugenden Brustamputation. Prominentes Beispiel einer Patientin mit BRCA1-Mutation, die sich für diesen Weg entschieden hat, ist die Filmschauspielerin Angelina Jolie.

Nicht-vererbte BRCA1-Mutationen können darüber hinaus das Risiko auch für andere Tumorarten, wie Prostata-, Magen-, Bauchspeicheldrüsen- und Darmkrebs, erhöhen. In Deutschland gibt es jährlich rund 75.000 neue Brustkrebserkrankungen. Experten schätzen, dass rund fünf bis zehn Prozent der Brustkrebsfälle erblich bedingt sind.

Quelle: Norman Ertych, Ailine Stolz, Oliver Valerius, Gerhard H. Braus, Holger Bastians (2016): The CHK2-BRCA1 tumor suppressor axis restrains oncogenic AURORA-A to ensure proper mitotic microtubule assembly. Proceedings of the National Academy of Sciences USA PNAS 2016; doi:10.1073/pnas.1525129113

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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