Antioxidantien beflügeln das Krebswachstum

Viele Krebspatienten schlucken Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und Mineralien. Doch sie sollten besser die Finger davon lassen, denn Antioxidantien könnten das Krebswachstum befeuern.

Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und Mineralstoffen wie Vitamin D, Vitamin E oder Selen sind beliebt bei Krebspatienten. Die meisten setzen bei Krebs nicht nur auf die Schulmedizin mit Chemotherapie und Bestrahlung, sondern wollen auch selbst etwas zu Heilung ihrer Krebskrankheit beitragen. Antioxidantien, die in größeren Mengen zum Beispiel in Obst und Gemüse stecken, gelten eigentlich als sehr gesund. Denn sie machen freie Radikale unschädlich. Diese aggressiven Substanzen können das Erbgut der Zellen schädigen und sind an Alterungsprozessen beteiligt.

Doch jetzt fanden gleich zwei Studien heraus, dass Antioxidantien Krebspatienten vielleicht mehr schaden als nutzen. Die Nahrungsergänzungsmittel könnten das Wachstum des Krebses und die Bildung von Metastasen beschleunigen. Dieser Zusammenhang wurde in Versuchen mit Mäusen nachgewiesen, die unter dem besonders gefährlichen schwarzen Hautkrebs litten.

Krebszellen profitieren von Antioxidantien

Antioxidantien etwa aus Beeren, Walnüssen, Kaffee oder Artischockenherzen interagieren mit den gefährlichen freien Radikalen, neutralisieren sie und blockieren ihre zellschädigende Wirkung. Damit können sie – so die Theorie – vor Krebs schützen.

Ist ein Mensch allerdings schon an Krebs erkrankt, könnten Antioxiantien aus Nahrungsergänzungsmitteln mehr schaden als nutzen. Zu diesem Schluss kam eine Studie von Forschern um Dr. Sean Morrison von der University of Texas. Die Forscher arbeiteten mit speziellen Labormäusen, denen sie menschliche Zellen des bösartigen schwarzen Hautkrebses (malignes Melanom) transplantiert hatten. Dann wurden sie mit dem Antioxidans N-Acetylcystein (NAC) gefüttert, das in vielen Nahrungsergänzungsmitteln steckt.

Der Krebs verbreitete sich schneller und bildete Metastasen, so das Ergebnis. „Der Konsum von Antioxidantien sorgte dafür, dass mehr Melanomzellen überlebten und metastasierten“, sagt Morrison. Auch wenn die Studie mit Mäusen durchgeführt wurde – frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass die Ergebnisse durchaus auf den Menschen übertragbar sind.

„Die Annahme, dass Antioxidantien gut für die Gesundheit sind, war so weit gefestigt, dass es sogar Studien mit Krebspatienten gab, denen Antioxidantien verabreicht wurden“, sagt Morrison. Einige der Studien mussten schließlich abgebrochen werden, weil Krebspatienten, die Antioxidantien konsumiert hatten, schneller starben. „Unsere Daten lassen vermuten, dass die Krebszellen mehr von den Antioxidantien profitieren als normale Zellen“, so Morrison.

Krebs – doppelt so viele Metastasen dank Nahrungsergänzung

Die Studie ist aber nicht die einzige, die eine Schädlichkeit von Antioxidantien aus Nahrungsergänzungsmitteln für Krebspatienten nachwies. Das Forscherteam um Martin Bergö von der Sahlgrenska Academy der University of Göteborg in Schweden zeigte, das sich bei Mäusen mit malignen Melanomen, die mit NAC-angereichertes Wasser tranken, die Lymphknotentumoren verdoppelten. „Der primäre Hauttumor blieb unverändert. Aber die Antioxidantien befeuerten die Fähigkeit der Tumorzellen zur Metastasierung“, erklärt Bergö. Dies sei insofern gefährlich, da eine Metastasierung bei Melanompatienten meist tödlich endet. Der Primärtumor sei dagegen eine geringere Gefahr, er könne entfernt werden.

In Versuchen an Zellkulturen von Patienten mit schwarzem Hautkrebs wurden die neuen Ergebnisse bestätigt. Die Schlussfolgerung: Antioxidanten schützen gesunde Zellen vor dem Angriff freier Radikale. Aber sie schützen auch die Krebszellen, sofern sie einmal vorhanden sind.

Krebspatienten – keine Antioxidantien aus Pillen

Schon im Jahr 2014 hatte die schwedische Forschergruppe entdeckt, dass bestimmte Antioxidantien das Wachstum, Fortschreiten und die Aggressivität von Lungentumoren bei Mäusen ankurbeln können. Tiere, die Antioxidantien gefressen hatten, entwickelten zusätzliche und aggressivere Tumoren. Experimente an menschlichen Lungenkrebszellen im Labor bestätigten die Ergebnisse. „Krebspatienten oder Personen mit einem Krebsrisiko sollten keine Nahrungsergänzungsmittel konsumieren, die Antioxidantien enthalten“, rät Bergö. Sie könnten auch kleine Tumoren oder Krebsvorstufen zum Wachstum anregen.

Vorsicht geboten sei auch bei Haut- und Sonnenschutzlotionen, die Beta-Carotin oder Vitamin E enthalten können. „Sie können – genau wie die Antioxidantien aus Nahrungsergänzungsmitteln – die Hautkrebszellen beeinträchtigen“, warnt Bergö. Wie das genau funktioniert, wird derzeit in Studien untersucht.

Antioxidantien aus Obst und Gemüse – wirksame Zellschützer

Antioxidantien werden vielen Nahrungsergänzungsmitteln und Lebensmitteln zugesetzt. Eigentlich versprechen sie einen gesundheitlichen Zusatznutzen, denn sie verringern den oxidativen Stress durch freie Radikale, entschärfen die aggressiven Moleküle und agieren damit als wirksame Zellschützer.

Zu den Antioxidantien zählen zum Beispiel Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E, Carotinoide (z.B. Betacarotin, Lutein, Lycopin) oder Selen. Antioxidantien aus natürlichen Quellen wie Obst und Gemüse gelten weiterhin als gesund – nicht aber Antioxidantien aus Nahrungsergänzungsmitteln.

Quellen:

  • Morrison SJ et al.: „Oxidative stress inhibits distant metastasis by human melanoma cells“, Nature (online), 14. Oktober 2015, doi:10.1038/nature15726
  • Bergö M et al.: “Antioxidants Can increase Melanoma Metastasis in Mice”, Science Translational Medicine, 7. Oktober 2015, Vol. 7, Issue 308, pp. 308re8, DOI: 10.1126/scitranslmed.aad3740

Weiterführende Informationen

Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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