Akupressur bei Brustkrebs: Fatigue und Schmerz wegmassieren

Die Akupressur könnte Frauen nach einer Brustkrebserkrankung helfen. Wer sich selbst eine vorsichtige Druckmassage verpasst, lindert Fatigue, Schmerzen, Depressionen und Ängste.

Die Akupressur setzen Therapeuten seit Jahrhunderten im Rahmen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ein. Fast jeder hat sie intuitiv schon einmal angewendet, etwa wenn man sich den Ellenbogen gestoßen hat und die schmerzende Stelle mit den Fingern massiert. Die Akupressur funktioniert mit Hilfe der Finger, Daumen oder kleiner Geräte. Die Akupunktur arbeitet dagegen mit feinsten Nadeln und Stichen. Forscher der University of Michigan Rogel Cancer Center in Ann Arbor fanden in einer Studie heraus, dass die Akupressur nicht nur die Fatigue lindern kann, sondern auch Schmerzen, depressive Verstimmungen, Ängste und Schlafstörungen bessert.

„Diese Symptome betreffen etwa 25 bis 40 Prozent aller Frauen, die verschiedene Brustkrebsbehandlungen durchlaufen haben.

Studienautorin Suzanna Maria Zick

Viele Brustkrebspatientinnen entwickeln diese Symptome begleitend zur Fatigue. Und das hat noch weitere Folgen: die Lebensqualität sinkt, viele Frauen können nicht mehr in ihren Beruf zurück und die gesellschaftlichen Beziehungen und Kontakte leiden. Ihre Studienergebnisse veröffentlichten die Forscher im Fachmagazin JNCI Cancer Spectrum.

Entspannende oder stimulierende Akupressur bei Brustkrebs

Die Probandinnen waren 288 Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren und deren Erstbehandlung mindestens zwölf Monate her war. Sie hatten sich den gängigen Krebstherapien wie Operation, Chemotherapie und Bestrahlung unterzogen. Alle Frauen litten unter einer Fatigue – einer lähmenden Erschöpfung, die den Körper, die Seele und den Geist erfasst. Auch ausreichender Schlaf kann die bleierne Müdigkeit nicht vertreiben.

Die meisten Frauen hatten darüber hinaus chronische Schmerzen, Ängste und leichte Depressionen. Manche Frauen entwickelten sogar alle drei Symptome zugleich. „Kaum eine Frau hat nur Fatigue“, weiß Studienautorin Suzanna Zick. „Und diese zusätzlichen Folgen der Krebstherapien sind ein enormes Problem, weil sie große Hindernisse im Leben darstellen“, so Zick weiter.

Drei verschiedene Therapien der Symtome

Nach dem Zufallsprinzip wurden die Frauen drei Gruppen mit verschiedenen Behandlungen zugeordnet:

  • Entspannende Akupressur: Diese Form soll Stress vertreiben, entspannen und den Schlaf verbessern.
  • Stimulierende Akupressur: Sie soll Blockaden beseitigen und die Lebensenergie aktivieren, das „Qi“. Anschließend strömt sie wieder besser durch den Körper, so die Vorstellung.
  • Standardbehandlung: In Gruppe drei behandelten die Ärzte die Beschwerden standardmäßig.

Sowohl die entspannende als auch die stimulierende Variante arbeiten mit sanftem Druck, den Finger, Daumen oder ein kleines Gerät ausüben. Allerdings werden dabei unterschiedliche Punkte am Körper stimuliert. Die Frauen sollten täglich über sechs Wochen jeden Punkt drei Minuten lang vorsichtig massieren. Vor, während und nach dem Ende der Studie gaben sie Auskunft über die Stärke der Fatigue, Depression, Ängste, Schmerzen und Schlafstörungen.

Enspannende Akupressur – so funktioniert sie

Sie setzt an verschiedenen Punkten des Körpers an. In der US-Studie massierten die Frauen folgende Punkte:

Entspannende Akupressur
  • Yin tang: Der Punkt liegt zentral zwischen den Augenbrauen und wirkt regulierend auf den Bereich von Kopf, Stirn und Nase. Eine sanfte Massage lindert Unruhe, Schlafstörungen, aber auch Kopfschmerzen.
  • Anmian: Dieser Punkt heißt auch „ruhiger Schlaf“. Er befindet sich hinter dem Ohr in einer kleinen Vertiefung unterhalb des Schädelknochens.
  • Herz 7: Er liegt an einer Sehne im Handgelenk – an der Verlängerung des kleinen Fingers. Die Stimulation wirkt beruhigend auf das Herz und lindert Ängste, innere Unruhe und Schlafprobleme.
  • Milz 6: Dieser Punkt, der Schlafstörungen entgegenwirkt, befindet sich am Fuß. Genauer gesagt: in einer tastbaren Vertiefung oberhalb des Innenknöchels am hinteren Rand des Schienbeins.
  • Leber 3: Der Punkt ist in der Mitte des Fußrückens (zwischen 1. und 2. Mittelfußknochen) lokalisiert. Wer diese Stelle massiert, reduziert die Spannung im gesamten Körper.

Die Stimulation geschieht immer beidseitig – bis auf Yin tang, weil dieser Punkt zentral liegt.

So funktioniert die stimulierende Akupressur

Diese Druckmassage findet dagegen an anderen Punkten statt. Einige Beispiele:

Stimulierende Akupressur
  • Du 20: Dieser Punkt  liegt direkt auf der Oberseite des Kopfes in einer kleinen Vertiefung. Die sanfte Massage stärkt die Energie und hellt das Bewusstsein auf.
  • Konzeptionsgefäß 6: Er reguliert und stärkt die Lebensenergie Qi. Der Punkt liegt unterhalb des Bauchnabels.
  • Dickdarm 4: Diesen Punkt finden Sie auf dem Muskelhügel zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Stimulation unterstützt besonders das „Loslassen“ – von alten Reaktionsmustern oder negativen Gedanken und Gefühlen
  • Magen 36: Er befindet sich etwa eine Hand breit unterhalb der Kniescheibe, gleich außen neben der Schienbeinkante. Die Stimulation vertreibt die Müdigkeit und wirkt schneller Erschöpfbarkeit entgegen.
  • Milz 6: siehe Entspannungs-Akupressur
  • Niere 3: Dieser Punkt liegt auf der Innenseite des Fußes zwischen dem Innenknöchel und der Achillessehne. Die Stimulation kräftigt und harmonisiert das Qi.

DU 20 und Konzeptionsgefäß stimulieren Sie einseitig, alle anderen Punkte beidseitig.

Welche Druckmassage hilft besser?

Beide Methoden der Selbst-Akupressur-Methoden zeigten positive Effekte bei den Frauen mit Brustkrebs. Bei den depressiven Symptomen schnitt jedoch die entspannende Massage besser ab: Sie linderte die Stimmungstiefs bei 41,5 Prozent der Frauen. Die aktivierende Druckmassage hellte dagegen bei etwa 25 Prozent der Frauen die Stimmung auf. „Die beiden Formen der Akupressur haben offenbar unterschiedliche Wirkungen“, schreiben die Autoren. Die Standardbehandlung vertrieb nur bei knapp acht der Probandinnen die  Wolken ums Gemüt. Die Ängste linderten beide Varianten gleich gut.

Unterschiede zwischen „entspannend“ und „aktivierend“ fanden die Forscher auch bei den Schmerzen: Die entspannende Akupressur linderte die Schmerzintensität stärker, während die stimulierende Form den Frauen besser half, ihre Schmerzen im Alltag zu bewältigen. Studienautorin Zick erklärt: „Bei Personen mit einer Fatigue und Depression ist die Entspannungs-Akupressur besser. Bei Ängsten oder Schmerzen funktionieren wahrscheinlich beide Methoden gleich gut.“

Die größten positiven Auswirkungen der Akupressur zeigten sich nach sechs Wochen. Danach schwächten sie sich wieder leicht ab. Frauen müssen sie vermutlich kontinuierlich anwenden.

Bessert ein gelindertes Symptom auch alle anderen?

Die Forscher wollten darüber hinaus wissen, ob sich durch ein gelindertes Symptom auch die anderen Beschwerden bessern.  Dies sei zwar der Fall, gelte aber nicht  für alle Symptome gleichermaßen. Ließ zum Beispiel die Depression nach, schliefen die Frauen auch besser. Und diese verbesserte Schlafqualität linderte wiederum die Fatigue um etwa 20 Prozent.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass wir die restlichen 80 Prozent der Fatigue-Auslöser noch nicht kennen.

Suzanna Zick

Die Depression und die Schlafqualität seien nur kleine Bausteine. Es gebe jedoch  noch viele weitere Faktoren. Vermutlich sei das Gehirn ein wesentlicher Mitspieler.

Akupressur-Wirkung: Placebo-Effekt könnte beteiligt sein

Unklar ist bislang, wie genau sich die Akupressur positiv auf die Beschwerden auswirkt. „Eine Möglichkeit ist der Placebo-Effekt“, schreiben die Forscher. Frühere Studien hätten bereits nachgewiesen, dass sowohl die Schein-Akupressur als auch die Schein-Akupunktur wirksam sind. Dabei werden nicht die typischen Akupunktur- oder Akupressur-Punkte stimuliert, sondern beliebige Punkte am Körper. Die zweite Möglichkeit: Die Trainer widmeten den Frauen viel Zeit und Aufmerksamkeit, was sich  womöglich ebenfalls positiv auswirke.

Jetzt wollen die Forscher eine Akupressur-App in zwei neuen Studien testen. Gemeinsam mit Technikspezialisten entwickelten sie ein besonderes Gerät – einen kleinen Massagestab. App und Stab sollen Frauen dabei unterstützen, die Massage mit dem richtigen Druck und regelmäßig auszuführen.

Tipp!  Akupressur erlernen können Sie anhand von Büchern, Videos im Internet oder an den Volkshochschulen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen jedoch die Kosten meist nicht.

Quellen:

  • Zick SM et al. Impact of Self-Acupressure on Co-Occurring Symptoms in Cancer Survivors, JNCI Cancer Spectrum, doi: 10.1093/jncics/pky064, published online Jan. 16, 2019
  • Deutsche Krebsgesellschaft: Fatigue bei Krebs (Abruf: 1.8.2019)

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Ingrid Müller

Ingrid Müller hat Biologie und Chemie studiert, ist gelernte Journalistin, Buchautorin und schreibt für verschiedene Medien, unter anderem Focus Gesundheit, das Brustkrebs-Magazin MammaMia!, Springer und Funke. Sie ist Redaktionsleiterin der Gesundheitsplattform Prostata Hilfe Deutschland für Männer mit Prostatakrebs. Zudem entwickelt sie digitale Gesundheitsprojekten mit. Zwölf Jahre war sie Chefredakteurin des Gesundheitsportals netdoktor.de

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